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Katholisches Lebe» in einer französischen Provinzialstadt.
(Fortsetzung.)
Im Range und in der mannigfaltigsten Wirksamkeit aufsteigend, gelangen dieguten jungen Damen zum großen Gelübde auf Lebenszeit, obgleich eS nur ein Bei-spiel gibt, daß das Opfer nicht beim ersten schon innerlich fürs ganze Leben gebrachtwar, — sie erhalten mit der Zeit den Ehrennamen von Müttern, und könnenOberinnen in demselben Hause oder in einem andern werden; endlich können sieProvinzialen, also Aufseherinnen aller Häuser einer Ordensprovinz und Assistentinnender Generaloberin seyn, deren vier mit der letztern die Regierung des Ordens führen.In jedem einzelnen Hause sind die Klosterfrauen noch unterschieden in Damen undSchwestern, welche letztere in der Kleidung kaum erkennbar, so viel wie in andernOrden die Laienschwestern sind und die niederen Verrichtungen der Hausordnung,des Kochens u. s. w. ausüben. In der Gemeinschaft stehen sich aber alle gleich undeiner schlichten Laienschwester, einer besonders gotterfüllten Magd deS Herrn, werdenin dem verborgenen Leben der Gemeinschaft Vorzüge eingeräumt, welche die Oberinsich selbst versagt, und deren Grund Auswärtigen unerklärlich, ja der Auserwähltenselbst unerklärt und unbewußt bleibt. Doch kann auch der fremde Besucher unterdiesen Schwestern, die meist der dienenden Classe entstammen, oft eine ungewöhnlicheWürde und milde veredelte Züge entdecken, und es ist immerhin wichtig, daß auchin den Beziehungen zu der Bedienung die Kinder sich des Klanges von Gezänke,Schreien und unnützem Geschwätze so lange Zeit entwöhnen. Im Uebrigen werdensie in der Bedienung so wenig, als in der Kost und Pflege verweichlicht. In man-chen Stücken wie in der Heizung findet man in Frankreich die deutschen Kinder allzuweich und üppig gewohnt; in Paris und in den südlichen Provinzen versetzen auchdie Bedürfnisse der Kost, wie sie die Deutschen mitbringen, die französischen Damenin Erstaunen; doch bilden die Häuser von Metz, Kinzheim und Blumenthal (M Lim-burgischen, bei Aachen ) hierin den naturgemäßen Uebergang und der westdeutsche,besonders aber der luxemburgische Appetit wird als weltgeschichtliche Thatsache respec-tirr. Die Fasten sind äußerst mäßig. Zur Zeit der großen Fasten dürfen die artig-sten Kinder die Ersparnisse des Klosters, oder eigentlich die von den Zöglingen auSfreien Stücken am Munde ersparten Confitüren vom Vieruhressen, umgesetzt in Linsenund Bohnen, wöchentlich den armen Frauen vom guten Hirten in einer kleinen Depu-tation zum Geschenk hinbringen. Andere dürfen zur Belohnung an gewissen Tagenbei der Bewirthung der heiligen Familie im Kloster die eingeladenen Armen bedienen;auch an sonstigen guten Werken dürfen die älteren Mädchen sich schon selbstbetheiligLn.
Also mit Versuchen und Uebungen der Wohlthätigkeit machen die Zöglinge ihrenUebergang zum Leben in der Welt. Mag dann in dieser Welt später der Tanzmeisternoch Einiges nachzuholen haben, es wird nicht so schwer werden, wenn der Körperdurch gesunde Pflege und gerade Haltung, die Seele aber durch die Würde der Un-schuld zur anmuthigen Erscheinung unter den Menschen vorbereitet ist. Wenn manin Deutschland überhaupt eine zu geringe Vorstellung von dem haushälterischen Berufeder französischen Weiber hegt, so gilt dieß mit besonderm Unrechte von den klösterlichenErziehungShäusern. Nicht allein werden die weiblichen Arbeiten, von dem niedrigstenStrumpfflickwerke und dem einfachsten Saume bis zur feinsten Stickerei, auf dasGründlichste und Strengste betrieben, sondern auch durch Rechnungsfertigkeit undeigene Verwaltung der kleinen Ausgaben wird die künftige sparsame Hausfrau schonherangebildet. Reinlichkeit, unerbittliche Ordnung und Rührigkeit zu jeder Arbeitwerden stündlich geübt; schwärmerische Freundschaften, Weltschmerz, Blaustrümpfigkeit,kurz jede Art anerzogener, angelogener Phrasen sind verpönt; dagegen liebt undbegünstigt man eine freie und heitere Entfaltung aller Anlagen des Charakters, allerguten Einfälle; man überläßt den Kindern abtheilungsweise die Erfindung und Aus-führung von allerlei Spielen, erlaubt ihnen, um die Wette ihre Vorstellungen zu