Ausgabe 
11 (3.8.1851) 31
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Ehemals waren die schlechten Weiber gezierte Puppen, heute sind sie blutige Löwin-nen, die ihre Kinder dem Irrthum der Albernheit und dem Verderben übergeben undso die Seelen ihnen aus dem Herzen reißen lassen. Darum hat die Pädagogik vielgesündigt! Möge sie vom Mährchenbrunnen sich erzählen lassen, was der Sündefolgen solle.

Doch die Großhändler können durch ihre Waaren nicht schaden, wenn dieKleinkrämer sie nicht verschleußen. Die Wissenschaft mag Tollheit lehren, sie wirdso lange wenig schaden, bis sie unter das Volk gelangt. Wahrheit und Irrthumaber kommt unter das Volk und dadurch erst in das Herz der Welt durch unsSchullehrer. Das ist unsere Bedeutung in der Welt, der Segen, den wir geben,aber auch der Fluch, darum hat auch uns, zumal in den letzten Tagen, derschlaue Vogel so eifrig zugesungen: Komm mit! Komm mit! Und wir, wir sind mit-gegangen, haben mitgeschrieen, mitgestürmt. Der Schuß, den ich vorhin hörte, waraus der Büchse eines Mannes gekommen, der sonst die Feder und den Griffel führte.Wen hat er wohl getroffen? Vielleicht ein ehemaliges Schulkind, das er lehrte, wieder Soldat seinem Fürsten zu gehorchen habe, seinem Fürsten, den er aber nun selberverrieth. Schaut hin nach Baden und über den Rhein ! Die Wahrheit schwimmrauf seinen Gewässern. Doch halt! ich höre wieder einen Knall! wer fiel?DerSchullehrer Hofer, standrechtlich hingerichtet!"

O Büchlein! Gott erbarm sich dem!"

Darum wollen auch wir zum Mährchenbrunnen eilen und ihn fragen, wie erdie Rückkehr zum Tannenbaum fand. Wir sollen Reine machen, und wessen Herznicht selber rein, der kann nicht Reinheit geben.

Ja! Lehrer, gebet alle Euren Kindern reine und Wahrheit und Recht liebendeHerzen. Bald treten sie aus Eurer Hand in das Leben. Bisher hat der Schlangen-vogel nur leise gerufen, daß ihr es nicht hören möchtet, aber nun ertönt seine Stimmehell und keck. Wen hat er zu fürchten? Den Vater? Der hat nicht Zeit, auf seineKinder zu sehen. Die Mutter? Die hat es schon lange verspielt! Den Pfarrer?Was merkt der Vogel auf den Pfarrer? Den Landrichter? Der hat die Vögel nichteinmal ungern. Den Polizeidicuer? Jcr! den fürchtet er noch am meisten; doch seiter keinen Stock mehr schwingen darf, ist ihm der Stachel auch genommen. So singter also lustig, Land auf und ab, morgen lustiger als heute; denn jeder Tag mehrtseine Siege. Da laufen sie denn hin, wohin der Vogel sie schickt, und jetzt nimmerhinter die Hecke. Das- ist nicht weiter nöthig. Im Salon wird gegen die alte Tanneder Zucht, auf der Tribüne gegen die alte Tanne der Religion, und auf freiem Feldegegen die alte Taune des Gesetzes losgezogen losgestürmt. Ja! manches, man-ches Edelreis, das jetzt Ihr Lehrer zu des Herrn Füßen legt, wird ein wilderApfelbaum werden,, manches Brünnlein, das ihr mit Gottes Wasser jetzt noch nährt,wird eine ungezügelte Woge werden, die mithilft bei der großen Überschwemmung,deren herannahendes Rauschen wir erst vernommen. Wehe den Palästen, den Kir-chen und den Hütten! Gar mancher loser Bube wird aus unsern Händen kommen,der seine Kraft am Einwerfen prüfen wird. StetS aber wird es gehen, wie eS imMährchen ging: Die Wogen werden zerschellen. Hebt darum das Mährchen auf,daß unsere Nachkommen darin lesen können, wie's dem Brünnlein ging und was eSthat, als es ihm also begegnet war! Jetzt wollen aber wir hören, was eS that!

Da lags dann da im schwarzen Moor,Das arme Büchlein, so stolz zuvor,Da lag's verlassen mit seinem Harm,Da lag's nun frei, daß Gott erbarm!

Und vor ihm lag mit blutigem HaareDas bleiche Weib auf sumpf'gcr Bahre,Zur Seit, vom Herzen ihr gerissen,Das Kind mit schmerzlichem Gesicht;