Ausgabe 
11 (10.8.1851) 32
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251
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gen Vincenz von Paulo erwähnt haben, welche daselbst in so mannigfacherWirksamkeit thätig sind. Ihnen ist nämlich die gan;e Waisen- und Kranken-pflege der Stadt überlassen. In zwei getrennten Häusern werden die Waisen-knaben und die Waisenmädchen, beide aber ganz allein aus dem Ertrag jährlicherfreiwilliger Subscriplionen unterhalten und diesen Umstand müssen wir besondershervorheben. Wenn man bei manchen hier gerühmten Anstalten vielleicht einwerfenkönnte, daß man dafür ja auch bei unS ähnliche Einrichtungen von Staats wegenangeordnet und controlirt finde, so wird man doch nicht verkennen, daß ZwangSan-stalt'.'N eben keine Seltenstücke zu den hier besprochenen Beispielen zu liefern vermögen.

Die freiwilligen WohlthätigkeitSanstalten der katholischen Kirche sind die erstengesunden Elemente einer Decentralisation in Frankreich , also daS specifische Heilmittelfür den gestörten Blutumlauf, wodurch jeden Augenblick die Schlagansälle dem HauptedeS Landes, der Capitole Paris, drohen, um von da aus periodisch auch die Glie-der zu lähmen, nämlich die armen Provinzen, die eines solchen Wechsels nachgerademüde werden. ES war mir oft schwer zn begreifen, wie es möglich sey, daß die-selben Personen, welche von Staats wegen schon so hart besteuert sind, welche auchfür die Stadt ihren gezwungenen Antheil tragen, außerdem auch noch für fünf oderzehn freiwillige gute Werke jährlich mit vollen Händen ihr Opfer bringen, und daßnicht allein einzelne Reiche, sondern auch viele gute Bürger aus den Mittelklassenfür solche Anstalten einmal für allemal in ihrem Rechnungsüberschlage des Jahresverhältnißmäßig bedeutende Posten ansetzen. Aber eine solche Opferwilligkeit undgroßmüthige Gewohnheit würde gewiß auch unter-den besten Bürgern nicht so an-dauern und wachsen, wenn Christen nicht daS Brod, welches sie heute auf fließen-des Wasser legen, am dritten Tage wiederfänden; wenn sie nicht von ihrer Arbeit,von ihrem einträchtigen Wirken Dank und Freude ernteten. Daß Letzteres der Fallist, liegt in dem rechten Geiste der Unternehmungen und in der Wahl der rechtenMittel, welche sich in Metz unter dem doppelten Schutze und Segeu des heiligenVincenz von Paulo täglich erproben; eS liegt darin, daß die thätigsten Christen,organisirt als Vincentiusverein, ihre Almosen nicht in dunkle Kasten werfen,sondern sie in die Familien der Armen tragen, an deren Herd die Werke der Liebeselbst ausüben, für die verlassenen Einzelnen aber, für die Waisen besonders, durchneue geweihte Bereinigung sorgen und diese auS freiwilliger Liebe gegründeten An-stalten den barmherzigen Schwester» vom Orden desselben großen Apostels der Armen-pflege anvertrauen. Wir dürfen über diese lieben Schwestern hier nur ein Wortsagen; theils weil ja ein Jeder, der sehen und hören will, der nicht absichtlich nichtsoder aus schlechtem Gewissen nichts Gutes hören und sehen will, viel besser thut,die ersten Sendlinge, die wir so glücklich sind in mehrern deutschen Kirchenpro-vinzen bereits zu besitzen, an Ort und Stelle selbst zu besuchen; theils weil Alleö,was Clemens Brentano*) von den Schwestern des heiligen Carl BorromäuS zuNancy mit beredter unübertrefflicher Einfachheit gesagt hat, fast ohne Ausnahme auchvon den Schwestern des heiligen Vincenz gilt. Wenn jene in der Auswahl undAufnahme strenger sind, so scheinen diese in ihrem rücksichtslosen Gottvertrauen nochunternehmender zu seyn. Diese frommen Seelen, deren Mutterhaus und großes No-viziat in Paris ist, deren Pflanzschulen aber auch schon in Straßburg und in Mün-chen unS nahe gerückt sind, werden im übrigen Deutschland hoffentlich nicht wenigerguten Boden finden, als in Algier, Nordamerika und China.

So oft ich in Metz zwei solcher lieben Schwestern mit den breiten weißenFlügeln ihrer Hauben durch das Straßcngewühl der Sackträger und Schacherjuden,durch Gassenjungen und Soldatenhaufen unberührt und leichtgetragen hindurchschwe-ben sah, kamen sie mir immer vor, wie die Tauben, die gleichfalls ungestört undvon den Menschen unbemerkt sich auf den Straßen niederlassen und ebenso unberührt

') In dem vortrefflichen Buche:Die barmherzigen Schwestern in Bezug .ins Armen- umKrankenpflege/- Coblenz bei Hölscher 1S31.