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müßten, so verläßt er dieß HauS sicherlich mit schwerer Seelenermüdung, mit tieferBeschämung und behält für's Leben eine ehrfurchtsvolle Erinnerung an die geheiligtenWesen, die einer unausgesetzten Gnade GotteS würdig seyn müssen, um auf immerund stündlich ein gleiches Band feuriger Liebe flechten zu können durch die hundert-fachen Verwickelungen von Schmerz und Ekel, von selbstverschulvetem Siechthum undvon scheinbar „unverdientem Büßen für der Väter Missethaten."
Unter den thätigen Schwestern sind vielleicht sechs bis acht ältere, gesetzteMatronen, welche ihren Schlüsselbund mit kerniger Faust schwingen und stämmigenSchrilles durch die Säle schreilend, mit festen Blicken bald rechts bald links, in dergemischten Gesellschaft Ordnung und Frieden durch ihre bloße Anwesenheit gebieten.Aber bei weitem die meisten sind rührend junge Mädchen, denen, wie ich eS einstvernahm, das allererste Anklopfen des Meisters das Herz getroffen hat und die ihmunverwandten Blickes bis hierher gefolgt sind, wo sie seine Gegenwart täglich in derunkenntlichsten Gestalt aufsuchen und ehren, wo sie nur, wenn daS müde Auge sicham Abend schließt, das lohnende Wort zu vernehmen glauben: „DaS hast du mirgelhan " Da sieht man bald die eine mit einem Korb voll Arzneiflaschen von einemBett zum andern schweben, den Leidenden, die wohl ihr zu Liebe so gerne einnehmen,freundlich ernst zunicken; die zweite kniet vor einem Bette und verbindet den voneinem Hufschlage zerschmetterten Fuß eines rüstigen Bauernburschen mit so anmuthi-ger Einfalt und Würde, daß der Dulder nur daran zu denken scheint, wie auch ersich in stummem Anstand? gegen die liebe, vornehme und doch wieder demüthigeSchwester einfach ergeben und dankbar, verhalten soll; einer dritten hat eben einarmer Bauer in einem Korbe sein Bübchen mit zerbrochenem Beine übergeben; siehat eS gebettet und sitzt nun bei ihm mit einem Bilderbuch«. Wenn unter den vierso eben beschriebenen, den barmherzigen VincentiuS-Schwestern anvertrauten Anstaltendie beiden erstgenannten ganz von freiwilligen Beiträgen, also vom öffentlichen Ver-trauen leben, so haben wir nun noch eine Stiftung zu erwähnen, die von einemeinzigen noch lebenden Ehepaar gegründet und zur Stunde nicht ganz vollendet, aberder Einweihung in kurzer Zeit entgegensehend, wahrscheinlich in dieselben treuenHände übergehen wird. ES ist dieß das künftige Waisenhaus der heiligen Constan-tia, so benannt nach dem einzigen, im sechzehnten Jahre nach unsäglichen Leiden
heimgerufenen Töchterchen des Herrn H........, Notars zu Metz. Der Staub
dieses einen gebrechlichen KindeS wird nun bald in der Gruft der neuen Capelleruhen; aber den trostlos gewesenen Eltern erblüht auf der Erde der Verwesung, derauch sie bald angehören werden, ein immergrüner neuer Stamm; denn am Todes-tage faßten sie den Entschluß, vierzig Waisen, wenn ich nicht irre, vorzugsweisevon unverschuldet verarmten Eltern an KindeSsiatt anzunehmen, und diese werdenhier daS Andenken des frühen Opfers ihrer kleinen Schwester Eonstantia feiern.Nicht allein der schöne Bau, der sich auf der St. Vincenzinsel in Hufeisenform nachder Mosel hin erstreckt und dessen offne Säulengänge einen freundlichen Garten um-schließen, also nicht allein die Räume und Mauern wurden von den wohlhabendenund wohlthuenden Gatten gegründet, sondern sie sollen auch die vierzig Freistellenschon vollständig sundirt haben.
In solchen Zügen, wie wir sie seither betrachtet haben, könnten wir fast stolzwerden, den Bürgersinn der alten deutschen Reichsstadt verwandtschaftlich wiedererkennen zu dürfen, wenn nur von unserer Seite die Ahnenprobe ohne Scham zubestehen wäre. Aber wo sind denn drei Namen auS dem gesammten deutschen Adel,die Fürsten mit einbegriffen, die auf ihrem Stammbaume in der ganzen ersten Hälftedieses Jahrhunderts auch nur ein Denkmal wie daS des Metzer Bürgers aufzuweisenvermöchten; geschweige denn des christlichen Sinnes im neuern deutschen Bürgerstande,der in der reichsten und stolzesten freien Reichsstadt die Stiftungen seiner bessernVorzeit zwar conservativ fortverzehrt, die Gräber seiner Vorfahren aber, wie dieseiner Ehegatten und ehelichen Kinder beschatten läßt von dem Alles überragendenDenkmal einer auswärtigen, ich meine von der babylonischen Schule. Man wird