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ob du deinen Feind zu deinem Knecht machen willst, daß dir alle Dinge zum Bestendienen. Denn siehe, der Feind entzündet daö Verlangen nach Speise, er bringtGedanken der Eitelkeit oder Ungeduld bei, oder auch er erregt der Wollust Reiz.Stimme nur durchaus ihm nicht bei, und wie oft du Widerstand geleistet hast, sooft wirst du gekrönt werden.
Wir selbst tragen unsern Fallstrick und den eigenen Feind überall herum: diesesFleisch meine ich, das von der Sünde empfangen, in der Sünde genährt, durch dieböse Gewohnheit verdorben ist. Desselben bedient sich zum Angriffe gegen uns dieüberaus listige Schlange, die kein anderes Verlangen, keine andere Mühe, keinanderes Geschäft hat, als das Blut der Seelen zu vergießen. Sie ist eS, die bestän-dig auf Böses gegen nns sinnt, Sie ist eS, die unsere Hände mit unserm eigenenBande bindet,, damit das Fleisch, welches uns gegeben ist zur Beihilfe, für uns zumUntergange und Fallstricke werde. Doch an uns ist cö gelegen, ob wir gebundenwerden wollen: und Niemand von uns wird in diesem Kampfe gegen seinen Willenunterliegen. Unter dir, o Mensch, soll ihre Begier seyn, und du sollstüber sie herrschen.
Aber wer sind wir, und welches ist unsere Stärke, daß wir so vielen Ver-suchungen zu widerstehen vermögen? DaS war es sicherlich, was Gott suchte, daswar es, wohin er unS zu führen sich bemühte, daß wir unsere Schwäche einsehen,und daß wir, weil wir keine andere Hilfe haben, in tiefster Demuth zu seinerBarmherzigkeit hineilen.
Beschwerlich ist uus die Versuchung deS Feindes, aber weit beschwerlicher istihm unser Gebet. Es verletzt uns seine Bosheit und Arglist, aber weit mehr peini-get ihn unsere Einfalt und Barmherzigkeit. Unsere Demuth kann er nicht enragen,er wird gebrannt durch unsere Liebe, er wird gekreuziget durch unsere Sanftmuthund unsern Gehorsam.
Das will ich euch im Voraus ermähnen, daß Niemand auf Erden ohne Ver-suchung siegen werde: damit derjenige, der vielleicht auS einer Versuchung kam, eineandere sicher und furchtsam erwarte, und wenn er bittet, davon befreit zu werden,daß er in diesem Todesleibe sich niemals eine vollständige Freiheit oder Ruhe zu ver-sprechen wage. In diesem Stücke müssen wir die gütige Anordnung der göttlichenLiebe betrachten, daß sie unS in einigen Versuchungen längere Zeit zu schaffen gibt,damit nicht vielleicht noch gefährlichere uns begegnen. Von andern aber befreit sieunS schneller, damit wir wieder in andern, von denen sie voraussieht, daß sie unsnützlicher seyen, geübt werden können.
So voll von Versuchungen ist unser Leben, daß es, nicht mit Unrecht, selbsteine beständige Versuchung genannt werden muß.
Wenn wir also den Anfall der Versuchung im Gedanken empfinden, so wollenwir sogleich zn Golt fliehen und demüthig um seine Hilfe flehen. Denn die Men-schen können fallen, so lange sie auf Erden zurückgehalten werden. Einige fallen,Andere fallen nicht, weil Gott die Hand unterlegt. Aber wie werden wir sie unter-scheiden können, daß wir trennen die Gerechten von den Ungerechten? Aber dieserUnterschied ist zwischen ihren Fällen, daß der Gerechte vom Herrn aufgehoben wird,und so stärker aufsteht: der Ungerechte aber, wenn er gefallen ist, wird nicht wiederausstehen, ja er fällt sogar noch einmal, nämlich in schädliche Scham oder in Scham-losigkeit. Denn entweder entschuldiget er, was er gethan hat, und das ist dieScham, welche die Sünde herbeiführt, oder er wird wie die Stirne einer Hure, undfürchtet weder Gott noch Menschen mehr, und rühmt sich öffentlich seiner Sünde wieSodoma. Der Gereckte aber fällt auf die Hand des Herrn, und auf eine gewissewunderbare Weise verhilft ihm die Sünde selbst zur Gerechtigkeit. Oder verhilft unsjener Fall nicht zum Guten, durch den wir besser und vorsichtiger werden? Nimmtnicht der Herr jenen Fallenden auf, der von der Demnth aufgehoben wird? In derSchöpfung, in der Erlösung und in allen übrigen Wohlthaten ist er der Gott Aller:aber in ihren Versuchungen haben ihn einzelne Auserwählte ganz besonders eigen;