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Haben wir aber diese Versuchung überwunden, so müssen wir uns nichts destoweniger gegen die Lobsprüche der Menschen waffnen, welche ihren Stoff vorzüglichvom lobenswerthen Leben nehmen. Sonst werden wir ausgesetzt seyn der Verwun-dung des am Tage fliegenden Pfeiles, welcher der eitle Ruhm ist. DerRuf fliegt, und zwar am Tage, weil er kommt aus Werken des Lichtes.
Wenn derselbe als eine leere Luft ausgeblasen wird, bleibt uns übrig, daßwir uns Festigkeit aneignen wegen der Reichthümer und Ehren, damit nicht Würdensuche, der um das Lob unbekümmert ist. Außerdem würden wir hintergangen wer-den von dem Ding, so im Finstern wandelt, welches die Verstellung ist.Denn sie kommt vom Ehrgeize, und im Finstern ist ihre Wohnung, weil sie verbirgt,was sie ist, und lügt, waö sie nicht ist. Sie macht Geschäfte zu jeder Zeit, behältdie Gestalt der Frömmigkeit bei, und eignet sich ihre Gewohnheit und alle Ehren zu.
Die letzte Versuchung ist der mittägige Teufel, der am meisten denVollkommenen nachzustellen pflegt, die als Männer der Tugenden AlleS überwundenhaben, Vergnügen, Gunstbezeigungen und Ehren. Denn was bleibt dem Versucheranrcrs übrig, wcßwegen er gegen Solche offen kämpfen könnte, da er sieht, daß sieauf jede Weise die Gerechtigkeit lieben und daS Unrecht hassen?Warum könnte das nicht geschehen, daß er das Unrecht zudecke mit der Larve derTugend? ES soll also viertens diese Versuchung gefürchtet werden, und je höherJemand sich stehen sieht, desto wachsamer hüte er sich vor dem Anfall des mittägi-gen Teufels. Ich halte dafür, daß dieser Teufel deßwegen der mittägige heiße, weileS unter der Anzahl der bösen Geister einige gibt, die wegen ihres finstern undhartnäckigen Willens mit Recht Nacht und ewige Nacht sind: doch sie verstehen eS,sich als Tag auszugeben, um uns zu täuschen, nicht nur als Tag, sondern sogarals Mittag. Und dann erscheint der Versucher als Mittag, d. i., als größererGlanz, wenn er den Schein des größern Guten annimmt.
Jene Versuchungen werden leicht besiegt und leicht durch die Vernunft ange-griffen, welche entweder an sich verdächtig sind, oder gleich beim ersten Anblicke sichals bös zu erkennen geben. Welche aber unter dem Schein dcS Guten sich eiuschlei-chen, werden schwerer unterschieden und gefährlicher zugelassen. Denn gleichwie eSschwer ist, in dem Maaß zu halten, was man als gut glaubt, so ist auch nichtimmer das Verlangen nach jedem Guten sicher. Aller Versuchungen aber und böserund unnützer Gedanken Grund ist der Müssiggang .
Sache der Teufel ist eS, böse Eingebungen beizubringen, unsere Sache ist eS,ihnen nicht beizustimmen. Denn so oft wir widerstehen, überwinden wir den Teufel,erfreuen die Engel, ehren wir Gott . Denn er selbst ermahnt uns, daß wir kämpfen,er hilft uns, daß wir siegen: er schaut den Kämpfenden zn, er richtet die Wanken-den auf, er krönt die Siegenden.
Aber wehe, wehe! Weder das Meer kann ohne Fluthen, noch dieses Lebenohne Versuchungen seyn: und.es kann kein fester und dauerhafter Friede seyn, außerim Reiche Gottes.
Der Satan ist eS, der beständig auf Böses sinnt, der verschlagen redet, künst-lich beibringt, schlau hintergeht, unerlaubte Begierden anbläst und giftige Gedankenentzündet: er erregt Kriege, ernährt den Haß, reizt die Eßlust, erzeugt die Wollust:er stachelt an die Begierden des Fleisches, bereitet Gelegenheiten zur Sünde, undhört nicht auf, durch tausend Künste die Herzen der Menschen zu versuchen.(Sowohl für Beichtväter als auch für Beichtkinder möchte dieser etwas längere Ar-tikel von der Versuchung von großem Nutzen seyn, in welchem der heilige Bernardsich als Meister der wahren Selbstkenntniß zeigt. Auch erinnert daran das Comple-torium des Priestergebetes alle Tage.)
Verlags-Jnhaber: F. C. Krem er.