Ausgabe 
11 (24.8.1851) 34
Seite
267
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Beide breiten sich trotz der Noth der Zeit vielleicht durch die Noth der Zeitvon Tag zu Tag immer mehr aus. In neuester Zeit hat sich ihnen der Verein fürden freien Unterricht beigesellt, an dessen Spitze der bis dahin wahrlich nicht durchultramontane Tendenzen bekannte Graf Mo 16 sieht, welcher Verein bereits vielevon der Universität und ihrem freigeisterischen Anhange unabhängige Bildungsanstal-ten gegründet hat, ferner der Verein der heiligen Kindheit Jesu, der Vereinfür die Bekehrung der Sünder, und eine Menge von Gebetsvereinen. Hieran reihet-sich das Zunehmen der Klöster, besonders für Werke christlicher Liebe, die Erfolgeder Missionen, der stets steigende Zudrang zu den Beichtstühlen, zu den Predigten,zu dem Gottesdienste. Ein Capucinerkloster ist durch freiwillige Beiträge gegrün-det worden. Vor zwanzig, vor zehn, ja, noch vor fünf Jahren hätte eine Capu-cinerkutte ganz Paris in Aufruhr versetzt. Jetzt umgibt die Ehrfurcht deS Volksdie tonsurirten Väter trotz alles Schnaubens und Geiferns der revolutionären Zeitun-gen. Voltaire ist kaum noch für den Pöbel genießbar, so wahr es auch ist, daßeine nicht unbedeutende Fraction deS Volkes unter noch viel vewerflicheren Einflüssenals den volta irischen steht, wodurch aber die Gegensätze auf die Spitze getrie-ben und die zerstörenden Principien heilsam entlarvt werden. Man erkennt mehrund mehr, daß das Heil nur kommen kann von den vielfachen auf Gott vertrauen-den Seelen, von ihren Gebeten und Thaten, von Organisationen, die in der Pflicht,in der Opferwilligkeit wurzeln, von der Rückkehr zu Gott .

Eng mit diesem Erwachen der Kirche hängt das Wiederaufleben der christlichenKunst zusammen, die, wie so manches andere Wahre und Hohe, vormals an demfranzösischen Königshofe ihr Grab gefunden hat. Aus diesem Gebiete kann mandie falschen Principien als bereits überwunden ansehen. Zwei großartige Vereine,von denen der eine in Paris centraliflrt ist und von der Regierung geleitet undgenährt wird, während der andere in eifrigster Concurrenz seine Wurzeln in denProvinzen durch alle Volksschichten treibt, haben schon wahrhaft Außerordentlichesgeleistet für die Geschichte und die Monumente des christlichen Frankreichs ,für die Erhaltung des Alten, wie für die Erschaffung von Neuem im Geiste desAlten. Das Geburtsland des Rokkoko steht unbestreitbar an der Spitze der Reactionzum katholischen Mittelalter hin. Prachtwerke aller Art, periodische Schriften, zahl-lose Monographien, theilweise mit der reichsten Ausstattung, u. s. w. bilden bereitseine fast unübersehbare Literatur für die christlich-nationale Kunst und Kunstgeschichte.Daß dieß nicht etwa bloß Modesache ist, beweist schon die lange Dauer und diestets wachsende Stärke dieser Strömung, mehr aber noch die bedeutenden materiellenOpfer, welche allerwärtS dafür gebracht werden. Vor einigen Monaten noch brachteder CultuSminister einen Gesetzvorschlag ein auf Bewilligung eines außerordentlichenFonds von 80 Millionen Franken, um die Kathedralen, bischöflichen Paläste undSeminarien gründlich im Geiste ihrer Erbauer wieder herzustellen, und schon hat diebetreffende Commission ihre Zustimmung ertheilt. Wenn man die Finanznoth denktund an die ohnehin schon sehr bedeutenden regelmäßigen Verwendungen für dieseZwecke, so wird man einer solchen Bewilligung ihre tiefe Bedeutung nicht absprechen,David und seine Schule nicht bloß, sondern noch bis in die neueste Zeit die Aca-demie betrachteten die gothischen Kathedralen und sonstigen Monumente als etwasdurchausUeberwvndeneö" (verzeihen Sie den Literaten-Jargon!), an das die Ge-genwart in keiner Weise mehr anknüpfen könne, Und nun treten diese Schöpfungenwieder mitten in das Leben ein und werden die Begründer einer Schule, welche vorAllem darauf ausgeht, die Fäden wieder aufzusuchen, welche das sechszehnte Jahr-hundert in leichtsinniger Neuerungssucht hat fallen lassen. Als Beleg hierfür erwähneich den Bau einer Wallfahrtskirche bei Rouen (notre clome <1u Kon secour8),eines großartigen Quaderbau'S im reichsten gothischen Styl mit 36 brillanten Farben-fenstern ausgestattet. Binnen wenig Jahren ist dieser Bau lediglich von freiwilligenGaben aufgerichtet worden, in Frankreich , wo man mehr als in irgend einemandern Lande gewohnt war, für Alleö die Behörden sorgen zu lassen, in dem gelob-