Ausgabe 
11 (24.8.1851) 34
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ten Lande der Vielregiererei. Ich brauche nicht erst hervorzuheben, daß solchen keines-wegeS vereinzelten Thatsachen Ideen zum Grunde liegen, die weit hinausreichen überdas ästhetische Gebiet, wie denn überhaupt das Reich des Schönen nicht bloß hin-einreicht in das deS Wahren, sondern auf die Wesentlichkeiten gesehen, damit zusam-men fällt." (N. Pr. Z.) _

Blumen aus dem Schriftgarten des heiligen Bernardus.

(Fortsetzung.)

211. Verstand.

Zwei Dinge in uns müssen gereiniget werden, der Verstand und der Wille:der Verstand, damit er erkenne, der Wille, damit er wolle. Diese sind sich öftereinander entgegen, so, daß der eine das Höchste, der andere das Niedrigste zu ver-langen scheint. Wie groß aber ist der Schmerz, wie schwer die Qual der Seele,wenn sie von ihr selbst so zerstreut, so zerrissen, so zertrennt wird. Der Verstandaber wird herabgedrückt, wenn er vieles denkt, wenn er sich nicht sammelt bei Einerund einzigen Betrachtung, welche angestellt wird über jene Stadt, die sich zurGemeinschaft zusammenfügt. Ein solcher Verstand muß fallen und zerstreutwerden in vielen Dingen unv auf viele und vielerlei Weisen. Die Neigungen aberwerden bei der Verderbtheit deS Leibes von verschiedenen Leidenschaften eingenommen,und können niemals beruhiget, geschweige denn geheilet werden, bis der Wille Einesucht und auf Eine merkt.

212. Vertraulichkeit.

Es ist ein gemeines Sprüchwort, daß zu große Vertraulichkeit Verachtung erzeuge.

213. Verzeihung.

Es gibt Einige, welche das Unrecht so verzeihen, daß sie sich nicht rächen,doch öfter darüber Vorwürfe machen. Wieder Einige gibt eS, welche zwar schweigen,in deren Gemüth eS jedoch tief vergraben bleibt, und im Herzen behalten sie einenGroll. Keine von den beiden ist eine volle Verzeihung. Weit gütiger, als dieseMenschen, ist die Natur der Gottheit: sie handelt großmüthig, verzeiht vollkommen,so, daß wegen des Vertrauens der Sünder (aber der bußfertigen) dort, wo dieSünde überschwänglich war, auch die Gnade überschwänglich zu werden pflegt.Zeuge ist der Vvlkerlehrer Paulus, der mit der göttlichen Gnade mehr, als Älle,wirkte. Zeuge ist Matthäus, der vom Zollstuhle zum Apostel erwählt, dem auchgegeben wurde, der erste Schriftsteller des neuen Testamentes zu werden. Zeuge istder Apostel, dem nach dreimaliger Verläugnung die Hirtensorge der ganzen Kircheübergeben wurde. Zeugin ist endlich auch jene verrufene Sünderin, welcher selbst imAnfange ihrer Bekehrung eine solche Fülle der Liebe geschenkt wurde, und nach einersolchen Verzeihung eine so große Gnade der Vertraulichkeit. Wer hat Maria ange-klagt, und mußte sie für sich reden? Wenn der Pharisäer murrt, wenn Marthaklagt, wenn die Apostel ungehalten werden, Maria schweigt, Christus entschuldiget,ja lobt sogar die Schweigende.

214. Verzweiflung.

DaS Vollmaciß einer jeden Sünde bringt die Verzweiflung. Die Verzweiflungkommt von der Unkenntniß Gottes. Wenn uns die Unkenntniß Gottes festhält, wiewerden wir auf den hoffen, den wir nicht kennen? Wir wissen aber, daß die Ver-zweifelnden keinen Theil oder keine Gemeinschaft haben am Lovse der Heiligen.

Aber lasset unö sagen, wie die Unkenntniß GolteS die Verzweiflung erzeuge!ES mag Jemand in sich gehen unv an sich selbst ein Mißfallen haben wegen deö