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Bösen, das er gethan, und daran denken, weise zu werden und umzukehren vonallem bösen Wege und seinem fleischlichen Umgange, wenn er nicht weiß, wie gutGott sey , wie süß und sanft und wie geneigt zum Verzeihen, wird ihn nicht seinefleischliche Gesinnung anklagen und sagen: Was thust du? willst du dieses undjenes Leben verlieren? Deine Sünden sind sehr groß und zahlreich, keineswegskannst du, wenn du dir auch die Haut abziehest, hinreichende Genugthuung für soviele und so große Sünden leisten. Die Verbindung ist eine zarte, das Leben ist sobequem, die Gewohnheit wirst du schwer überwinden. An diesem und Aehnlichemverzweifelt der Elende, fällt ab, indem er nicht weiß, wie leicht die Güte deS All-mächtigen (die keinen zu Grunde gehen lassen will) alle diese Schwierigkeiten lösenkönne, und eS erfolgt die Unbußfertigkeit, welche das größte Verbrechen und eineunverzeihliche Gotteslästerung ist.
215. Vier letzte Dinge.
„In allen deinen Werken gedenke an deine letzten Dinge, sowirst du in Ewigkeit nicht sündigen." Nämlich dieser Gedanke macht ammeisten gottesfürchtig. Die Furcht vertreibt die Sünde", damit die Nachlässigkeit sienicht zulasse. Unsere letzten Dinge aber sind der Tod, das Gericht, die Hölle.WaS ist fürchterlicher, als der Tod, was schrecklicher, als das Gericht. DennUnerträglicheres kann nichts gedacht werden, als die Hölle. WaS wird der fürchten,der bei diesen Dingen nicht zittert, nicht erblaßt, nicht erschüttert wird?
In allen deinen Werken gedenke an deine letzten Dinge: an dieSchrecken des Todes, an den zitternden AuSgang des Gerichtes, an die Angst vordem Brande der Hölle. Entferne nie zu weit aus den Augen deines Herzens dieletzten Dinge.
Fürchte, o Mensch, daß du im Tode getrennt wirst von allen Gütern diesesLeibes, und das süße Band deS Fleisches und der Seele wird durch die bitterste Ehe-scheidung zerschnitten werden. Fürchte, daß du in dem schauerlichen Gerichte vorden hingestellt wirst, in dessen Hände zu fallen eS schrecklich ist. Wenn der dichdurchforscht, dem nichts verborgen ist, und an dir Unrecht befunden wird, so wirstdu entfremdet der Ruhe und Herrlichkeit und ausgeschieden von der Zahl der Seligen.Fürchte, daß du in der Hölle ewigen und unermessenen Peinen ausgesetzt werdest imAntheile des Teufels und seiner Engel im ewigen Feuer, daS ihnen bereitet ist.
Mein Sohn, gedenke an deine letzten Dinge! Woher, meine Brü-der, kommt unsere Verstellung? Woher diese so verderbliche Lauigkeit, woher diese soverwünschenswerthe Sicherheit? Was hintergehen wir Elende uns selbst? Sind wirvielleicht schon reich geworden, sind wir schon Herrscher? Umlagernnicht die Thüre unsers HauseS jene schrecklichen Geister? Warten nicht auf unsernAusgang jene Gespenstergesichter? Welch ein Schrecken wird das seyn! O meineSeele, wenn du Alles verlassen mußt, dessen Gegenwart dir jetzt so angenehm, dessenAnblick so lieblich, dessen Umgang so vertraulich ist, wenn du allein gehen mußt inunbekanntes Land,' wenn du die abscheulichsten Ungeheuer auf dich zukommen undhaufenweise auf dich stürzen siehst, wer wird dir zu Hilfe kommen am Tage dieserBedrängniß? Wer wird dich schützen vor den Brüllern, die bereit sind,dich zu fressen? Wer wird unS trösten, wer entreißen? — Meine Söhne, geden--ken wir an diese unsere letzten Dinge, damit wir nicht sündigen!
2l6. Vollkommenheit.
DaS Böse wollen ist ein Fehler des Willens. Das Gute wollen ist ein Fort-schritt desselben: genug seyn aber zu allem Guten, was wir wollen, ist seine Voll-kommenheit. Damit wir also unser Wollen, welches aus freier Wahl kommt, innehaben, bedürfen wir eines doppelten Geschenkes der Gnade, und zwar weise zu sey»,welches die Hinneigung deS Willens zum Guten ist, und auch vollkommen zu können,welches die Befestigung desselben im Guten ist. Weiter besteht die vollkommene Hin-