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neigung zum Guten darin, daß nichts gefällt, was sich nicht geziemt: die vollkom-mene Befestigung im Guten, daß nicht fehlt, was gefällt.Nicht vollkommen seyn wollen heißt nachlassen.
Nirgends erkennt sich das Maaß der menschlichen UnVollkommenheit besser, alsim Lichte deS Angesichtes Gottes, im Spiegel der göttlichen Anschauung.
217. V ö l l e r e i.
Die Gaumenlust, welche heutigen Tages so hoch geschätzt wird, enthält kaumdie Breite von zwei Fingern, und doch wird dieser kleine Theil, dieses geringe Ver-gnügen mit so großer Sorgfalt gepflegt, daß eine Last daraus entsteht! Durch dieGaumenlust werven die Nieren und die Schultern unnatürlich ausgedehnt, die Bäucheschwellen, werden nicht so sast stark, sondern vielmehr mit Fett angefüllt, und weildann die Gebeine die Last deS Fleisches nicht aushalten können, werden auch ver-schiedene Krankheiten erzeugt. So kommt man zu dem reizenden Schlund der Sin-nenlust durch Bemühung und Aufwand mit Verlust der Ehre und mit Lebensgefahr,indem der brennende Schwefelgestank die Wüthenden mit Stacheln treibt, und derhartnäckige Slich der vorüberfliegenden Bienen, wo sie auf boshafte Weise angeneh-men Honig ausgießen, die getroffenen Herzen verwundet, worauf Angst, Verwün-schung, Schande und das Ende der Vollere! vollkommen erkannt werden. Daß eSübrigens Eitelkeit der Eitelkeiten und nichts sey, kann man sogar nach dem Namenbeurtheilen; eitel ist also auch die Mühe, die auf diese Eitelkeit verwendet wird.O Ehre, Ehre, spricht der Weise, in Tausenden von Sterblichen ist nichts, als eitleAufgeblasenheit der Ohren, und was glaubst du, was diese glückliche Eitelkeit fürein Unglück sey, welches das eitle Glück erzeugt? Daher kommt die Blindheit deSHerzens, wie geschrieben steht: „Mein Volk, Diejenigen, welche dich er-freuen, führen dich in Irrthum." Daher kommt die eigensinnige Wuth derHerzhastigkeit, daher die mühevolle Last des Verdachtes, daher die grausame MarterdeS NeideS und die erbärmliche Kreuzigung der Mißgunst. So ist auch unersättlichdie Liebe zu den Reichthümern,' plagt weit mehr die Seele durch Verlangen, als siedurch Genuß erquickt: denn es zeigt sich, daß ihr Erwerb voll Mühe, ihr Besitz vollFurcht, ihr Verlust voll Schmerz ist.
Angefüllt den Bauch mit Bohnen, das Herz mit Stolz, verdammen wir diefetten Speisen, als wenn es nicht besser wäre, weniges Fleisch nach Bedürfniß zuessen, als sich mit blähenden Gemüsen bis zum Erbrechen zu übersättigen, besondersda Esau nicht wegen deS Fleisches, sondern wegen ves Gemüses getadelt, Adamwegen deS Baumes, nicht wegen des Fleisches verurtheilt wurde, Jonathas wegenGenusses des Honigs, nicht deS Fleisches in das Todesurtheil verfiel. Im Gegen-theile Elias aß meistens Fleisch, Abraham bewirthete die Engel mit köstlichem Fleische,und Gott selbst befahl, daß ihm Fleisch geopfert werde. Aber eben so ist es auchbesser, wegen Schwäche des Magens ein wenig Wein zu genießen, als sich auSGierde mit vielem Wasser zu überschwemmen, weil auch Paulus dem TimotheuSrieth, ein wenig Wein zu trinken, und der Herr selbst Wein trank, so daß er einWeinsäuser genannt wurde, und auch seinen Aposteln zu trinken gab: überdieß hater aus dem Weine das Geheimniß seines BluteS bereitet: aus der Hochzeit gestatteteer nicht das Wassertrinken, und an dem Wasser des Zankes strafte er fürchterlich daSMurren deS Volkes. Auch David fürchtete sich das Wasser zu trinken, das er ver-langt hatte, und jene Männer deS Gedeon, welche gierig mit gebogenen Knieen ausdem Flusse tranken, wurden nicht für würdig geachtet, in den Kampf zu gehen.
Nichts von der heiligen Schrift, nichts vom Heile der Seelen kommt bei Gast-mählern vor: sondern Possen, Gelächter und Worte werden in den Wind gesprochen.Wie bei Tische der Gaumen mit Gerichten, so werden die Ohren mit Gerüchtengenährt, auf die du merkest, und so kein Maaß im Essen zu beobachten weißt.Unterdessen werden Speisen auf Speisen aufgetragen, und statt des Fleisches, dessenman sich enthält, werden die Stücke großer Fische verdoppelt. Und obgleich du mit