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dem vorigen gesättiget wärest, wenn du angenehme verkostest, scheinst du noch keineFische gegessen zu haben. Mit solcher Sorgfalt nämlich und solcher Kochkunst istAlles zubereitet, daß, wenn du auch vier oder fünf Gerichte verschlungen hast, dieerstem die letztern nicht hindern, und die Sättigung die Eßlust nicht vermindert.Zu was aber Alles dieses, als daß Rath geschafft werde gegen Ekel? Darum wirdSorge getragen, daß die Gestalt der Dinge von außen so erscheine, damit sowohldaS Gesicht als der Gaumen ergötzt werde, und wenn auch der Magen durch häufi-ges Aufstoßen sein Vollseyn anzeigt, so ist doch der Vorwitz noch nicht gesättiget.Aber während die Augen durch die Farben, der Gaumen durch die Wohlgerüchegereizt werden, wird der unglückliche Magen, den nicht einmal die Düfte besänfti-gen, während er Alles aufzunehmen gezwungen wird, mehr erdrückt und erstickt, alserquickt.
Der Mensch hat keinen härtern Dränger, als den Bauch.
Süße Weine und fette Speisen dienen dem Leibe, nicht dem Geiste. Du magstsie auS den Händen reißen, nicht die Seele wird gesättiget, sondern der Leib:Pfeffer, Ingwer, Zimmet und Salbei kitzeln zwar den Gaumen, entzünden aber dieFleischeslust. Wer klug und mäßig lebt, dem ist Hunger mit Salz ein hinreichen-des Gewürz.
218. Vorgesetzte.
Hören sollen die Vorgesetzten, die den ihnen Anvertrauten beständig zur Furcht,selten zum Nutzen seyn wollen: „Laßt euch weisen, die ihr Richter seydauf Erden!" Lernet Mütter, nicht Herren der Untergebenen zu seyn. Bemüheteuch, mehr geliebt, als gefürchtet zu werden, und wenn auch manchmal Strengenothwendig ist, so sey sie väterlich, nicht tyrannisch. Stellet Mütter vor in derLiebe, Väter bei der Strafe. Werdet sanft, leget ab die Wildheit: sparet die Ruthe,zeiget die Brüste, die von Milch, nicht aber von Stolz voll seyn sollen. Warumerschweret ihr das Joch derjenigen, deren Lasten ihr vielmehr tragen sollet? Warumflieht der von der Schlange gebissene Knabe die Mitwissenschaft des Priesters, zudem er vielmehr wie in den Schooß der Mutter hätte sich flüchten sollen? Wenn ihrgeistig seyd, so unterweiset Solche im Geiste der Sanftmuth, indem ein Jeder aufsich merkt, damit er nicht auch versucht werde. Sonst wird er sterben in seinerSünde, aber sein Blut will ich von deiner Hand fordern.
219. V o r st e h e r.
Die Vorsteher der Kirche müssen ertragen ihre Untergebenen, die sie zurecht-weisen, und zurechtweisen, die sie ertragen. Daher ließ Salomon an den Gestellendes Tempels deS Herrn daS Bild eines Löwen, eines Ochsen und eines Cherubsaufstellen. WaS bezeichnen die Gestelle anders, als die Vorsteher der Kirche? Die-jenigen, welche die Sorge der Leitung übernehmen, tragen wie Gestelle die aufgelegteLast. Cherubim bedeutet die Fülle der Wissenschaft. Durch den Löwen wird dieFurcht vor der Strenge vorgebildet. Dnrch den Ochsen aber wird die Geduld derSanftmuth angezeigt. Auf den Gestellen stehen die Löwen nicht ohne Ochsen, dieOchsen nicht ohne Löwen, weil die Vorsteher der Kirche manchmal strenge, einanders Mal sanft zurechtweisen müssen, manchmal mit Worten, manchmal auch mitGeißeln, weil derjenige, der durch sanfte Worte nicht gebessert wird, strengere Be-handlung verdient. Mit Schmcrzon müssen jene Wunden weggeschnitten werden,welche auf leichte Weise nicht mehr zu heilen sind.