Ausgabe 
11 (7.9.1851) 36
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Zusammenläuten der Glocken in Kenntniß gesetzt. Um die Mittagszeit trafen diedrei Väter der Gesellschaft Jesu endlich ein, und sogleich nach ihrer Ankunft wurdenalle Glocken geläutet. Auf diese Weise wurde ihnen durch die Gunst des Zufallsein glänzenderer Empfang zu Theil als ihnen zugedacht war. Denselben Nachmittag,kurz nach ihrer Ankunft, bestieg einer der Patres die Kanzel in der dichtgefülltenKirche, verkündete zuerst die äußere Ordnung, in welcher die Mission abgehaltenwerden sollte, und sprach dann über den Zweck und die Bedeutung einer solchenMission, indem er den Tert zu Grunde legte:Lehret alle Völker." Er setzte aus-einander: Christus habe seiner Kirche die Mission gegeben die Menschen zu lehrenund zu bessern; dieser Mission entspreche sie durch ihre ganze Einrichtung, durch dieSpendung der Sacramenle, durch die Predigt. DaS sey die allgemeine und bestän-dige Misston; durch sie seyen den Gläubigen alle Mittel zu einem christlichen Lebengewährt, wenn sie dieselben gehörig benutzten. Da dieses aber nicht mehr geschehe,so habe die Kirche schon seit langer Zeit solche außerordentliche Missionen angeordnet,wozu die gegenwärtige gehöre. Es werde da nichts anderes gelehrt und geübt alswas sonst in der Kirche gelehrt und geübt werde; aber dadurch, daß man eine gewisseZeit ausschließlich oder vorzugsweise dem Nachdenken und den Andachtsübungen fürdas Heil der Seele widme, daß die Lehrvorträge nahe zusammengedrängt und ininnerer Verbindung aufeinander folgten, werde die Wirkung verstärkt. Manche,welche sonst für religiöse und kirchliche Gegenstände sich weniger interessirten, würdendurch das Neue und Außergewöhnliche der Mission, wenn auch anfangs nur auöNeugierde, dahin gelenkt und zum Andenken darüber veranlaßt. Auf bloß äußereSchaustellung oder vorübergehende Rührung sey es nicht abgesehen, sondern auf ernsteBelehrung, auf Besserung. Eben so wenig soll in den Predigten polemistrt werden;christliches Leben nach der Lehre der katholischen Kirche zu erwecken und zu befördernsey der Zweck der Misston. Alles dieses wurde in einer klaren, kräftigen, unbefan-genen und dabei würdigen Weise ausgesprochen; der Redner selbst machte sowohldurch seine äußere Erscheinung, als durch das was er sagte, den Eindruck eineskräftigen, natürlichen, verständigen, offenen Mannes. Manche der Anwesen-den hatten sich wohl unter einem Jesuiten jedenfalls eine unheimliche, verdäch-tige oder überhaupt absonderliche Gestalt gedacht, und sahen nun zu ihrer Ueberra-schung einen katholischen Priester, gleich den besten und am meisten Vertrauen erwe-ckenden Genossen dieses Standes. Dieser erste Eindruck war entschieden günstig.

Am Abend desselben Tages fing sofort der Kreis der Predigten selbst an.Der Obere der Mission unter den drei Priestern predigte über den Glauben an einenpersönlichen Gott, und suchte in einem klaren und eindringlichen Vortrag zu zeigen,daß der Glaube an einen persönlichen Gott ein Bedürfniß der menschlichen Vernunft,ein Bedürfniß des menschlichen Herzens und ein Bedürfniß des gesellschaftlichen Le-bens sey. Am folgenden Morgen predigte der dritte Missionär über die Sünde unddie Strafen der Sünde. Von diesem Tag an wurden dann vierzehn Tage langjeden Tag drei Predigten gehalten, zum größten Theil über allgemein christlicheGlaubens- und Sittenlehre, als: über die Unsterblichkeit der Seele, über die zehnGebote, über die Gottheit Christi; in mehreren Vorträgen über die christlichen Stan-despflichten u. dgl.; unter den dem katholischen Bekenntnisse eigenthümlichen Lehrenwurden in den Vorträgen behandelt: die katholische Lehre von dem Bußsacramcnt,von dem Abendmahl und von dem Primat des Papstes. Zwei der Väter warenOpfer der Gewaltthat, welche man früher in der Schweiz gegen die katholischeSchweiz ausübte, ohne daß der Areopag der europäischen Cabinette dieses europäischeScandal hindern konnte oder wollte; der dritte, ein ganz junger Mann, gehörteinem oberschwäbischen fürstlichen Geschlechte an. Wenn die beiden ersten durch ihrfrüheres Schicksal bei jedem Mann von Rechtsgesühl, welchen Glaubens er auch seynmag, Theilnahme erregen müssen, so kann man allen dreien die Achtung und dieTheilnahme nicht versagen, welche Kraft, Muth, freiwillige Aufopferung für einenZweck, den man für gut und groß hält, bei Jedermann finden muß.