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zelne Individuum hat sich hier wie in analogen Fällen im Staate und in jeder Ge-sellschaft dem Allgemeinen unterzuordnen. Die Protestanten können, wenn sie nichtihrem ganzen Princip der freien Forschung untreu werden wollen, nicht durch mate-rielle Mittel, noch weniger durch Schmähungen einen Gegner unterdrücken wollen.Ueberdieß ist die höchste Noth vorhanden, daß alle Bekenner des Christenthums, jader positiven Religion überhaupt, gegen das Andrängen eines gemeinschaftlichen Fein-des gemeinschaftliche Front machen. Bei den heftigen Ausfällen, welche man in derneuesten Zeit gegen die Missionen der Väter der Gesellschaft Jesu gehört hat, liegenzwei offenbare Irrthümer zu Grunde (denn dafür wollen wir sie nehmen). Der ersteIrrthum besteht darin, daß man die Jesuiten von der katholischen Kirche trennt, dasie doch durchaus nichts anderes predigen, als was in jedem katholischen Katechis-mus steht, und da sie von den zuständigen Behörden, deren Urtheil sich jeder Katholikunterordnet, gebilligt und empfohlen sind; der zweite Irrthum besteht dann, daß manso denkt und so sich ereifert, wie wenn es in unserer Zeit, bei unsern jetzigen politi-schen und rechtlichen Verhältnissen wahrscheinlich oder auch nur vernünftig denkbarwäre, daß die Protestanten oder die Katholiken mit Zwang um ihren Glauben, umihre Kirche gebracht werden könnten. Es ist doch wahrhaft seltsam von ein paarkatholischen Priestern, welche über nichts zu befehlen haben, deren Namen man aufalle Weise herabwürdigt und in allgemeinen Mißcredit gebracht zu haben glaubt,Gefahren für das Bestehen deS Protestantismus in Deutschland zu befürchten, wo eraußer seinen rechtlichen und politischen Garantien, in der Geschichte der Vorzeit, inder Denkweise der Gegenwart so viele andere Garantien hat. Die Staatsmännerwerden sich aber jetzt doch wohl überzeugt haben, daß man die kirchlichen Verhält-nisse nicht wie andere administriren kann; daß nach den Forderungen des Rechts,der vernünftigen Freiheit, im Interesse des Volkes und der Fürsten , die Aufgabe derweltlichen Obrigkeit nur darin besteht, die Ordnung und den Frieden unter den ver-schiedenen im Staate anerkannten Confessionen durch Gesetz und durch die vollziehend«Gewalt zu handhaben, im übrigen aber die Geister gewähren zu lassen.
Blumen aus dem Schriftgarten des heiligen Bernardus.
(Fortsetzung.)225. Weg des Geistes.
Es gibt Einige, die im Fleische wandeln, die alle Sorgfalt darein setzen, wiesie den Beschwerden deS Fleisches entgehen, die ihre Tugenden auf die Probe stellen,und doch, während sie die Beschwerden des Fleisches durchaus vermeiden wollen,seinen bösen Gelüsten nicht widerstehen können. Diesen sagt der Apostel: „Wandeltim Geiste", das ist, leget ab eure Sorge, wie ihr den Beschwerden des Fleischesentkommet. Auf diesem Wege des Geistes sind zwei Stufen, eine höhere und eineniedere. Auf der niedern Stufe wandelt der Mensch in seinem Geiste: auf derhöhern Stufe im Geiste Gottes. Auf der niedern Stufe wandelt der Mensch,wenn er, zu seinem Herzen gekehrt, rücksichtlich der Neigungen desselben besorgt, insich tadelt, was er als der Tugend entgegen erkennt. Auf dieser Stufe bringt erGott das Opfer eines betrübten Geistes unv zerknirschten Herzens durch die Reue.Von dieser Stufe steigt er zur höhern, fängt an, der Wohlthaten Gottes zu geden-ken, wendet sich zur Danksagung und bringt Gott das Opfer des Lobes durch dieAndacht. Auf beiden Stufen sieht er Christum , auf der ersten gekreuzigt, auf derzweiten mit Ruhm und Ehre gekrönt.
226. Welt.
Den mit irdischen Gelüsten beschäftigten Geist flieht die heilige Unterhaltung,und es kann nicht vermischt werden Wahres mit Eitelm, Ewiges mit Hinfälligem,