Ausgabe 
11 (14.9.1851) 37
Seite
289
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Cilster Jahrgang.

Sonntags-Beiblatt

zur

Augsburger Pojtzeitung.

14. September S7. 1851.

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Zwei Predigten von Joseph Othmar ,

Fürstbischof von Seckau, BiSthumsverweser von Leoben .

I.

Reue.

Ein Herz voll Zerknirschung und Demuth wirst du, o Gott nicht verwerfen." Pf» SV, 19.

Fern auS der Urzeit herauf tönt eine Stimme der Klage, welche spricht:DerMensch vom Weibe geboren lebt eine kurze Zeit und ist voll der Plagen. Er keimtwie eine Blume auf und wird zertreten, er flieht wie ein Schatten und bleibt nimmerim selben Stande." Es ist die Stimme Job's, welchem die heilige Schrift daS Zeug-niß gibt, daß er Gott fürchtete und sich vom Bösen rein hielt und seines Gleichennicht auf Erden hatte. Der Mensch hat von der Wiege bis zum Grabe den Schmerzzum Begleiter. Sein Leib ist Dem verfallen, von welchem der heilige Seher aufPathmoS spricht:Und sieh! es kam ein fahles Roß; der auf ihm saß, wurde derTod genannt und das Todtenreich folgte ihm nach. Ihm wurde Macht gegeben, inden vier Theilen- der Erde durch Schwert, Hunger, Krankheiten und wilde Thierezu tödten." Unzählig sind die Beschwerden und Wehen , durch welche der Erdgeborneerinnert wird, daß sein Leib unter der Herrschaft des Todes stehe, und manchmalsteigern sie sich zu Peinen, welche das ganze Gefühl deS Daseyns durchdringen; abersie reichen nicht an die Zahl und Bitterkeit der Leiden, welche seine Seele treffen.Der Mensch verlangt nach den Gütern der Erde und sie fliehen vor ihm; erreicht ersie, so genügen sie ihm nicht. Der Besitz ist von der Sorge umringt und wirddurch die Begierde noch mehr zu erlangen entwerthet. Dem gierigen Genusse folgenEkel und Selbstvorwurf. Der körperliche Schmerz wird durch die Furcht vor dem-selben vervielfältigt und geschärft. Die Täuschungen der Hoffnung, die Kränkungender Selbstliebe, Neid und Eifersucht, Haß und Angst und Reue und Verzweiflungschlagen ihre Klauen in das menschliche Herz. Ueber den Zwischenräumen der Be-friedigung schwebt das Bewußtseyn der Vergänglichkeit gleich einer finstern Wolke.Wie, leben wir nicht in der Welt, von welcher geschrieben steht: Und Gott sahAlles, was er gemacht hatte, und sieh! es war gut? Warum entstellet die dunkleMakel deS Schmerzes daS Werk der sechs schaffenden Tage? Waltet nicht Der, wel-cher unS erlaubt, ihn unsern Vater im Himmel zu nennen, allmächtig und allschauendüber unsern Geschicken? Wie kömmt eS, daß die Qual sich unabwendbar an die Ferseder Menschenkinder heftet?

-) Die beiden Predigten heißenReue und Erneuerung des Lebens" und sind bei den feierlichenBittgängen der Jubiläumszcit am 3. und 19. Mai d. I. in Gratz gehalten worden.