Ausgabe 
11 (14.9.1851) 37
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Die Antwort gibt uns eine andere, unheimliche Gestalt, welche vielfach dasAngesicht wechselnd über den Söhnen AdamS schwebt und ihre Huldigungen empfängt:es ist die Sünde.Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir unsselbst und die Wahrheit ist nicht in uns." So spricht kein grämlicher, mit sich undder Welt unzufriedener Sittenrichter, sondern der Jünger der Liebe, er, welcher beidem großen Liebesmahle an der Brust deS Heilandes ruhte, der heilige Johannes.Aber der Sold der Sünde ist der Tod, der Tod des Leibes uud der Seele.DurchEinen Menschen, spricht der Apostel Paulus , ist die Sünde in diese Welt gekommenund durch die Sünde der Tod und so ist der Tod auf alle Menschen übergegangen."

Der Alierbarmer hat uns dem Verderben nicht hilflos anheimgegeben, sonderndurch Wunder der Gnade den Gefallenen Heil und Rettung bereitet; die kurzenTrübsale aber, welche übrig bleiben, verwandelu sich, sobald wir wollen, in einenSchatz der Verdienste, welcher hinterlegt ist für den Tag der Ewigkeit. Wir feiernso eben den Sieg, welchen der Sohn Gottes über Tod und Hölle errungen, wirseiern die Auserstehung unsers Herrn und Meisters, welche dem Tode seinen Stachelund dem Grabe seine Schrecknisse genommen hat. Allein wenn die Osterzeit uns aufdie Herrlichkeit hinweist, zu deren Erben wir berufen sind, so läßt sie an unS auchdie laute Mahnung ergehen, deS Reiches Gottes fähig und würdig zu werden.Dazu ermuntert und hilft in der Osterzeit dieses JahreS die Kirche uns in ganzbesonderer Weise: denn sie ladet durch den Jubiläumsablaß uns ein, neue Menschenzu werden; gegen den Preis inniger, daS ganze Leben beherrschender Neue verheißtsie wie von der Schuld so auch von den Strafen der Sünde uns vollkommen zu ent-binden. Wir haben im feierlichen Zuge begonnen, die Bedingungen, an welche dieGewinnung des Ablasses geknüpft ist, andächtig zu erfüllen; bemühen wir uns auch,den Eifer der Buße in unserm Herzen mächtig zu erwecken: denn durch ihn erhältunser Gebet und Flehen Kraft. Ein Herz voll Zerknirschung wirst du o Gott nichtverwerfen. So sprechen wir voll Zuversicht: denn, waS wir sprechen, hat das WortGottes uns gelehrt. Wir haben oft gebeichtet, wir haben oft Reue und Leid erweckt.Aber waren die guten, frommen Worte, welche uns auf den Lippen schwebten, auchein treuer Ausdruck der Gesinnung, welche unser Innerstes bewegte? Sammeln wiruns also vor dem Angesichts des allschauenden Gottes und fragen wir uns: Wie solldie Reue deS Christen beschaffen seyn und an welchen Anzeichen können wir erkennen,ob die wahre Reue uns heilbringend durchdrungen habe?

Die Neue ist unstreitig ein Schmerz der Seele, welcher auS dem Bewußtseyn,irgend eine Handlung vollbracht oder unterlassen zu haben, hervorgeht und mit demWunsche, diese Handlung nicht vollbracht oder nicht unterlassen zu haben, verbundenist. Denken wir uns einen Fall, welcher sich viel öfter als gut ist, wiederholt. Einjunger Mensch vernachlässigt seine Studien, er lernt nichts, als sich unterhalten.Seine Unterhaltungen sind von der schlimmsten Art. Er wirft sich der unreinen Lustin die Arme und die unreine Lust zieht ihn auf's Krankenlager. Die bedenklicheMiene deS ArzteS verkündigt ihm, daß sein Siechthum sehr gefährlich sey. SeinVermögen Hai er im Taumel der Leidenschaft vergeudet, eS bleiben ihm nur Schul-den übrig. Dürftig, verlassen, gequält liegt er in einem schlechten Winkel und zit-tert vor dem langsam nahenden Tode. Nun reut eS ihn, daß er seine Zeit nichtverwendet hat, um sich zu einem einträglichen, ehrenvollen Amte zu besähigen, nunreut es ihn, daß er bei seinen Ausschweifungen nicht klüger Maaß gehalten, nichtgrößere Vorsicht beobachtet hat. Der Gedanke, daß er Vermögen und Gesundheit soleicht bewahren und noch viele Jahre hindurch in Lust und Freude hätte leben können,erfüllt ihn mit der peinlichsten Empfindung, er zürnt sich selbst, daß er so thörichtgewesen. Dieß ist zwar eine Neue, aber keine segenbringende Reue: denn ein Herzvoll Zerknirschung und Demuth fehlt dem Unglücklichen. Allerdings wünscht er Vie-les, was mißfällig war vor dem Herrn, ungeschehen machen zu können, aber erwünscht es nur darum, weil er sich selbst geschadet und zwar an zeitlichen Güterngeschabet hat. Daß die Werke, durch welche er sein zeitliches Glück zerstört hat,