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Alles, waS der beredte Kanzelredner seinen Zuhörern zum Besten gab. Gleich einer
zweiten Here von Entor rief er nunmehr die Schatten der Vergangenheit in dieGegenwart zurück, so den Papst Clemens XIV. , der als Oberhaupt der Kirche denJesuitcnorden aufhob, natürlich weil er erkannt hatte, daß dieser Orden die Schlech-tigkeit selbst war. Daß Clemens XIV. die Aufhebung deS Jesuitenordens, zu wel-cher er durch die dem Geiste deS VoltairianiSmuS verfallenen Höfe genöthigt wordenwar, bis zu seinem Tode bereute, und im Grunde nur darum vollzog, um AergereSzu verhüten; daß ferner die heiligsten und ehrwürdigsten Päpste der Kirche den Je,suitenorden gutgeheißen und vortrefflich erfunden und deßhalb denselben bei mehr alStausend Gelegenheiten gegen seine Feinde in Schutz genommen; daß endlich die Nach-folger j-neö Clemens XIV. sich beeilten, den Jesuitenorden wieder herzustellen, davonschwieg Herr Pfarrer Dittenberger auS leicht begreiflichen Gründen und zog eS vor,auf die Geschichte Dr. Luther'S überzuspringen, dessen Reise nach WormS und Ver-halten vor dem Reichstage eben so wie die unvermeidliche „Ablaßkrämerei" den Zu-hörern in den lebhaftesten Zügen vorgeführt wurden. ES war wirklich zum Erstau-nen, welchen Jdeengang der vortreffliche Pfarrer einzuschlagen verstand, obgleich ereS schuldig blieb, anzugeben, auf welche Weise sich Dr. Luther und die Ablaßkrämereimit der Heidelberger „Jesuitenmission" zusammenreimen. Zum Ruhme der Heidel-berger Protestanten muß ich indessen anführen, daß nicht wenige derselben, den gebil-deteren Ständen angehörend, gegen die Dittenberger'sche Predigt sich höchst mißbilli-gend ausgesprochen haben. (M. I.)
Blumen aus dem Schriftgarten des heiligen BernarduS.
(Fortsetzung.)
230. Wissenschaft.
Die wahre Wissenschaft ist, zu wissen, daß wir sterblich, hinfällig und gebrech-lich seyen, und daß in dieser Verbannung, in diesem Kerker, auf dieser Wanderschaft,in diesem Thale der Thränen Schmerz und Trauer empfunden werden sollen.
Es gibt Einige, welche wissen wollen nur in der Absicht, damit sie wissen,und dieß ist schädliche Neugierde. Wieder Einige gibt eS, die wissen wollen, damitman auch von ihnen wisse, dieß ist gefährliche Eitelkeit. Diese werden wahrlich demspottenden Satyriker nicht entgehen, der dem, der so beschaffen ist, Folgendes zusingt:„Dein Wissen ist nichts, wenn nicht der Andere eS weiß, daß du eSweißt." Und wieder Einige gibt es, die wissen wollen, damit sie ihre Wissenschaftverkaufen, z. B. für Geld, für Ehren, und dieß ist schändlicher Gewinn. Aber eSgibt auch Einige, welche wissen wollen, damit sie erbauen, und dieß ist Liebe: undnoch Einige, die wissen wollen, damit sie erbaut werden, und dieß ist Klugheit.Unter allen Diesen trifft man nur bei den zwei Letzten keinen Mißbrauch der Wissen-schaft an, da diese nur deßhalb wissen wollen, damit sie GuteS thun.
Wer ißt, und die Speise nicht verdaut, kommt in Gefahr. Eine unverdauteSpeise nämlich erzeugt böse Säfte, und schwächt den Körper, anstatt ihn zu nähren.Wird nicht auch so die Vielwisserei, verschluckt vom Magen der Seele, vom Gebächt-nisse, wenn sie nicht verkocht ist am Feuer der Liebe, und so nicht durch die Gliederder Seele in die Sitten und Handlungen gegossen und vertheilt wird, damit dieSeele selbst von den guten Sitten, indem das Leben davon Zeugniß gibt, gut werde,zur Sünde angerechnet werden als eine in böse und schädliche Säfte verwandelteSpeise? Und ist nicht die Sünde ein böseS Blut? Sind nicht die bösen Sitten böseSäfte? Wird nicht Blühungen und Schmerzen Der im Gewissen empfinden, der sobeschaffen ist, der nämlich das Gute wußte, und nicht that? Hat nickt ein Solcherdas Urlheil des TodcS und der Vcrdammniß in sich, so oft ihm in'S G-edächtnißkommt der AuSspruch deS Herrn- „Jener Knecht aber, der den Will-n