Ausgabe 
11 (21.9.1851) 38
Seite
298
URN (Seite)
  
 
Einzelbild herunterladen

298

Geistes und des Opfermuthes. In der Kirche wacht ein neues, herrliches Leben auf.Die Feinde in und außer der Kirche vermögen eS nicht mehr niederzuhalten. Mögensie auch die eine oder die andere Stimme auf eine Zeitlang zum Schweigenbringen der Geist geht seinen Weg; er fragt sich nicht mit einer Bittschrift an,wo er wehen darf; er weht, wo er will! (W.K.-Z.)

Zwei Predigten von Joseph Otpmar,

Fürstbischof von Seckau, BiSthumsverweser von Leoben .

I.

(Schluß.)

Der Apostel ermahnet uns und Alle, welche das Wort der Allmacht in'SDaseyn rief: WaS hast du, das du nicht empfangen hättest? Wenn du eS aberempfangen hast, warum rühmest du dich dessen? Jedes Geschöpf und darum auchder erschaffene Geist hat AlleS, was eS ist und besitzt, von Gott seinem Erschafferund die Chöre der Engel, welche unberührt von der Schuld den Thron des Herrnumgeben, haben aus sich denn doch nichts Anderes gethan, als daß sie von den freienGeschenken göttlicher Huld keinen Mißbrauch machten. Je vollkommener der Geistist, desto höher steht er an Erkenntniß und je höher er an Erkenntniß steht, destodeutlicher sieht er ein, daß er alles Gute von Gott empfangen hat und jeder Vorzug,welcher ihn schmückt, nur ein Abglanz ist der ewigen Sonne. Darum je vollkomme-ner der Geist ist, desto vollkommener ist auch die Demuth, in welcher er sich vor demAllerhöchsten beugt. Die wundervolle Jungfrau, welche der Erde den Heiland brachteund von Himmel und Erde staunend als Mutter GotteS begrüßt wird, kennt keinenhöheren Ruhm als die Magd des Herrn zu seyn. Wir aber sind Sünder und Kin-der des Sünders. Das Lamm GotteS hat unS zwar Versöhnung gebracht undSohneSrecht erworben bei Gott unserm Vater. Allein wir sind nicht getreu geblie-be.n, sondern haben daS Gewand der Unschuld, welches wir in der Taufe empfingen,durch vielfache Verschuldungen befleckt. Darum sind wir vor Dem, der da ist, nichtnur Geschöpfe, welchen er die Kraft des Lebens und jede Befähigung zum Gutenohne ihr Zuthun geschenkt hat, sondern wir sind auch Sünder, und seiner Gerech-tigkeit verfallen. Dieß erkennt der Christ um so lebendiger, je weiter er an wahrerVollkommenheit vorschreitet. Darum ist die Demuth, mit welcher wir an unsereBrust schlagen und sprechen: Herr sey mir armem Sünder gnädig! zugleich der sichereHöhenmesser unserer -geistigen Vollkommenheit.

Wie? die Demuth, diesen Knechteswahn erzeugt im Schooße der tiefsten Fin-sterniß, diese Sklaventugend, welche der Tod des Lichtes und der Freiheit ist, ver-sucht man heute noch uns zu rühmen? Mitbrüder in Christus unserm Herrn, wenneuch Leute oder Schriften vorkommen sollten, welche diesen Ton anstimmen, so denketan die Worte der heiligen Schrift:Sie sind von ihm abgewichen und wollen seineWege nicht verstehen." Die christliche Demuth ist weit entfernt, den Geist niederzu-drücken; sie erhebt ihn vielmehr. Unstreitig enthält sie ein kraftvolles Bewußtseynder eigenen Nichtigkeit, Schwäche, Sündhaftigkeit, aber sie enthält noch viel mehr.Der unselige Verräther JudaS wußte sehr wohl, wie verabscheuungSwürdig er durchseine That geworden war; und dennoch fiel kein Funke der Demuth in seine nacht-bedeckte Seele, sonst wäre er statt den Strick des Selbstmordes zu schlingen, dort-hin geeilt, wo an diesem selben Tage der schon des TodeS harrende Mörder dieVerheißung empfing: Heute wirst du mit mir im Paradiese seyn! Sonst hätte er amKreuze sich Magdalenen der Büßerin mit Thränen der Reue beigesellt. Er sah nursich und daS Brandmahl, welches die Schuld seiner Seele eingedrückt hatte; zu Gotterhob sein verfinstertes Auge sich nicht. Aber die Demuth, wie der Geist GotteS sie uns lehrt, ist die Tochter und unzertrennliche Gefährtin der Liebe. Je reiner dieAhnung ist, in welcher der menschliche Geist sich Dem nähert, welcher ihn nach sei-