Ausgabe 
11 (21.9.1851) 38
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> nem Ebenbilde schuf, desto deutlicher steht ihm seine UnWürdigkeit vor dem Bewußt-seyn, desto inniger ist der Schmerz, mit welchem er seiner Sünden gedenkt. Alleineben darum schwingt der Blick, den er in das Heiligthum des Allerhöchsten wirft,sich um so höher empor, je tiefer das Bewußtseyn der eigenen Ohnmacht und Un-lauterkeit hinabdringt. DaS Wohlgefallen an dem lieben Selbst, in welchem kleineGeister sich behaglich wiegen, verliert der Demüthige allerdings; aber hat er daranetwas verloren? mag der Mensch sich auch von dem Reiche der Wahrheit losreißen,

' dennoch muß er wider Wissen und Willen der Wahrheit das Zeugniß geben. An-maßung und Selbstgefälligkeit wird zwar häufig geübt, schon von den Knaben geübtund es ist Mode daS kecke Pochen auf die Vorzüge, welche man sich selbst zuspricht,als edles Selbstgefühl zu preisen; allein Niemand liebt eS dergleichen an Solchen,mit welchen er zu verkehren hat, anzutreffen; man mag sich selbst noch so hoch stellen,Jene, an welche man irgendwie Forderungen zu richten hat, möchte man doch stetsvoll Bescheidenheit finden und gesteht dadurch unwillkürlich, die Demuth sey eine ganzgute Sache, wofern man sie nur nicht selbst zu üben brauche.

Wenn der Sünder dem Herrn ein Herz voll Zerknirschung darbringt, so bewegtiF. nothwendig auch daS aufrichtige Verlangen, der göttlichen Gerechtigkeit genug zuthun und dieß Verlangen ist das zweite Kennzeichen der in der Liebe begründetenReue. Die Sünde verdient Strafe. Das Bewußtseyn der Nothwendigkeit, daß daSmenschliche Thun und Lassen auf der Wage der Gerechtigkeit gewogen werde, ist ebenso unaustilgbar, wie das Gewissen, und kann von Denen, welche das Auge vor demLichte der Wahrheit schließen, eben so gemißbraucht werden wie das Gewissen. DieHeiden, welche von der Erkenntniß Gottes abgefallen waren, machten sich Götzen;der Mensch, welcher von dem Gesetze der Heiligkeit abgefallen ist, macht sichein Wahnbild der Pflicht und um eS zu vertheidigen, ruft er ein Wahnbild derGerechtigkeit zu Hilfe. So ist es ergangen, seit der Cherubim mit dem Flammen-schwerte vor die Pforten deS verschlossenen Paradieses trat und so wird es ergehen,bis die Posaune deS Engels daS Weltgericht verkündigt. Uns aber ist es vorbehal-ten zu sehen und zu hören, wie dieß gottverlassene Treiben den vollen Wahnsinnseiner Widersprüche entwickelt. Man macht förmlich ein Gewerbe daraus, den Leicht-gläubigen ein irdisches Paradies zu versprechen. Man nimmt Gott dem Herrn dasGeschäft ab, Himmel und Erde neu zu machen. Alles soll anders werden, die Men-schen, so verheißt man, werden in vollkommener Freiheit leben, Keiner wird mehrund anders arbeiten als ihm angenehm ist und Jeder die Fülle sinnlicher Genüssehaben. Dazu, so wird versichert, gehört nichts als Bruderliebe und abermals Bru-derliebe, welche daS höchste und einzige Gesetz des menschlichen Lebens ist. DieseBruderliebe ohne Gott umfaßt Alles, was man bis jetzt als Sünde, als Verbrechenbezeichnete, mir überfließender Zärtlichkeit. Eine Verletzung der Keuschheit zu rügen,ist ein erschrecklicher Frevel wider die Humanitär. Die Begierden, welche sich demsinnlichen Genusse zuwenden, hat die Natur uns eingeflößt und der Natur zu gehor-chen ist nicht nur erlaubt, sondern geboten. Für Diebe, Räuber und Mörder gibtman, in so weit man durch sie nicht selbst zu Schaden gekommen ist, die zartesteTheilnahme kund; eS ist aber nicht die Theilnahme der christlichen Liebe, welche indem Verbrecher einen gefallenen Bruder sieht und ihm Erneuerung und Trost vonoben zu vermitteln sucht. In der neuen Ordnung der Dinge ist das Verbrechen pri-vilegirt; es muß mit achtungsvoller Schonung behandelt werden und genau genom-men sollte man es gar nicht bestrafen: denn die Leidenschaften sind heilig und dieGesellschaft hat die Pflicht für Befriedigung derselben zu sorgen; hätte man aber alleWünsche jener Unglücklichen befriedigt, so würden sie schwerlich gestohlen, geraubtoder gemordet haben. Allein die Eiferer für Humanität und Bruderliebe veränderndaS Angesicht, so bald sich um Solche handelt, welche von jenem irdischen Para-diese, wo GotteSläugnung und Haß deS Eigenthums blühen, nichts wissen wollen.Jetzt führen sie nicht mehr die Milde, die Schonung, die Liebe, sondern nur dieGerechtigkeit im Munde. Diese Frevler wollen die Menschheit um das ihr gebührende