Ausgabe 
11 (21.9.1851) 38
Seite
300
URN (Seite)
  
 
Einzelbild herunterladen

300

Glück betrügen, nur Blut kann ihre Schuld sühnen. Hängt sie an die Laternen,schleppt sie aufS Blutgerüst, erwürgt sie wo und wie ihr könnt; ihr vollbringt einheiliges Werk der Gerechtigkeit! AlS die Republik der brüderlichen Gleichheit zumersten Male gegründet wurde, galt die Beschuldigung, ein Aristokrat zu seyn, einemTodeSurtheile gleich und um den Aristokraten beigezählt zu werden, brauchte eS nichtviel; man brauchte nicht einmal zwei Röcke zu besitzen; eS genügte, wenn man durchein Wort oder eine Miene verrieth, daß man mit der Herrschaft der Guillotine nichteinverstanden sey. In neuester Zeit hat ein gesinnungstüchtiger Held der Bruderliebeberechnet, daß, wenn die Menschheit glücklich werden solle, zwei Millionen Köpfefallen müssen. Dieß ist die Gerechtigkeit Jener, welchen die Gerichte deS lebendigenGotteS eine Thorheit, ein Aberglauben, ein Gräuel sind. Der von Gott geschiedeneMensch ist vielleicht in Dingen, welche ihm wenig oder gar nicht am Herzen liegen,sehr großmüthig und sentimental; wofern man das berührt, waS ihm ernstlich amHerzen liegt, so ist sein Grimm gleich dem Grimme der Hyäne und seine Rache einunauslöschliches Feuer. Zwischen die göttliche Gerechtigkeit und die Schuld tritt ander Hand der Barmherzigkeit die Buße.

WaS die Buße sey und was die Buße wirke, zeichnet daS Evangelium uns indem Bilde deS Verlornen Sohneö mit lebenvollen Zügen vor. AIS der verl-orne Sohndurch das Licht höherer Erkenntniß erneuert wird, ist er sogar von dem Nothdürftigenentblößt und seinen Hunger zu stillen nicht im Stande. Dennoch macht er sich aufden Weg nach dem Vaterhause, welckeS durch weite Räume von ihm getrennt ist.Dabei leitet ihn keineswegs die Hoffnung, in die verscherzten Sohnesrechte wiedereinzutreten, er schmeichelt sich nicht in der nachsichtigen Liebe des VaterS für daSvergeudete Erbe Ersatz zu finden. Ungemildert von den Täuschungen der Eigenliebesteht die ganze Bedeutung seiner Sünde vor ihm da; er weiß, dasz er keinen Anspruchhabe, bei seinem Vater fernerhin als Sohn zu gelten und sein Verlangen ist aufnichts gerichtet alö unter den Knechten einen Platz zu finden. Mit reicher Habe ver-ließ er in jugendlichem Uebermuthe die Heimath; barfuß und in grobem, zerrissenemGewände soll er nun heimkehren, als ein Sünder, welchen die Strafe der Sündeschon hienieden ereilt hat, soll er in Armuth und Hunger sich dem Vater darstellen,welchen er beleidigt hat, soll er vor dem Bruder erscheinen, dessen LooS er nichttheilen wollte, und für die Knechte, welchen er einst gebot, im besten Falle ein Gegen-stand deS MitleidenS werden. Allein daS Bewußtseyn der Gerechtigkeit, welche er zusübnen begehrt, drückt die Regungen deS Stolzes nieder und das Verlangen, demgekränkten Vater seine Schuld und Reue darzulegen, hält ihn aufrecht auf dem lan «gen Wege; als er aber an'S Ziel gekommen ist, als er den Aufenthalt seiner schuld-losen Jugend wieder betritt und der Vater sich vor seinen Blicken zeigt, da sinkt erauf die Knie nieder und ruft: Vater ich habe gesündigt vor dem Himmel und vordir und bin nicht mehr werth dein Sohn zu heißen, halte mich nur wie Einen deinerTaglöhner! Aber der Vater, der in seinem Herzen lieSt, hebt ihn auf und spricht:Bringt das beste Gewand und legt eS ihm an, gebt einen Ring an seine Hand undSchuhe an seine Füße: denn dieser mein Sohn war todt und ist wieder lebendig ge-worden; er war verloren und ist wieder gefunden worden.

Wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöhet werden, spricht der Herr und herr-lich erfüllt sich diese Zusicherung an dem Sünder, welcher umkehrt von seinen bösenWegen und wahrhaft Buße thut, herrlich bewährt diese Verheißung sich an Allen,welche mit der Gesinnung, deren Beispiel uns in dem verlernen Sohne gezeigt wird,sich zu Gott ihrem Vater wenden. Benützen wir die dreißig Tage der Jubiläums-feier, um durch Gottes Gnade unter die Zahl dieser Begnadigten einzutreten. Schondas heidnische Alterthum wußte sehr wohl, daß die Selbsterkcnntniß der Anfang allerWeisheit sey. Gehen wir mit uns selbst inS Gericht, vergleichen wir alle unsereWorte, Werke und Gedanken, jede Regung unseres Begehrens und StrebenS mitdem Gesetze Dessen, welcher gesprochen hat: Seyd vollkommen wie euer Vater imHimmel vollkommen ist! Wie, sollten wir finden, daß Alles ganz rein und heilig sey,