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von dem Oberhaupte und Mittelpunce der Christenheit getrennt hat, und zwar nochBischöfe aber keinen obersten Bischof mehr besitzt. Die Thürme der Stadt, welcheaus der frühern, mehr an die katholischen Jahrhunderte reichenden Zeit stammen,laufen noch in die christliche Spitze aus, und gewähren einen weit befriedigendemAnblick, wenn man auch nur auf die ästhetische Anforderung und künstlerische Vollen-dung sehen will.
Die Ausstellung im Jndustriepalaste wird an Sonntagen nicht geöffnet. Ebenso ruhen in London des Sonntags alle Geschäfte. Alle Läden sind unwiderruflichgeschlossen. Der Londoner Geschäftsmann ist die ganze Woche hindurch so thätig,daß er nicht an den Himmel denken, noch sonst einer ernsten Erinnerung Raum gebenkann. Am Sonntage nimmt er daher keinerlei Arbeit vor, dieser soll für ihn wahr-hast ein Tag der Ruhe und Erholung werden. An Werktagen qualmt der Stein-kohlendampf in Vereinigung mit dem feinen Nebel so nahe über den Häusern derStadt, daß man das blaue Himmelsgewölbe nicht sehen kann. Am Sonntage erlö ,schen die meisten der riesenhaften Feuerungen und man kann etwas freier nach Obenblicken. Gerne aber entflieht der Londoner am Sonntage der Stadt, um in der fri-schen Natur sich zu erinnern, daß eS auf Erden auch noch andere Schöpfungen gebeals Häuser, Kaufläden und Maschinen. — Wie der Steinkohlendunst den Anblick beSHimmels entzieht, so umnebelt die Industrie das geistige Auge und raubt ihm dieAussicht nach den höhern Regionen. Daher hat selbst die Kirchlichkeit deS Anglica«ners noch einen industriellen Anstrich. Er betrachtet Gott als einen sehr schätzbarenGeschäftsfreund, dem er an Sonnlagen seine Huldigung in Ehrfurcht und Andachtdarbringt, dem er für alle Geneigtheit dankt und dessen Lehren er dankbar benützt.Aber in dieser Gottesfurcht erhebt er sich nicht über den Kreis seiner Geschäfte.Sehr deutlich spricht sich dieß aus in der Benützung der berühmten Westminster-Abtei.Die aus alten Zeiten stammende gothische Kirche ist die Grabstätte aller großenMänner Englands , deren Asche hier zum Lohne ihrer Verdienste beigesetzt und durchGrabmäler von weißem Marmor verherrlicht wird. Gewiß ein erhabener Gedanke,welcher der Nation zur Ehre gereicht und alle kommenden Geschlechter erfreut. Dessen-ungeachtet machen diese Grabmäler einen ungünstigen Eindruck. Die Männer, welchehier ruhen, haben sich verdient gemacht, indem sie dem zeitlichen Wohle, der irdi-schen Herrlichkeit, dem Handel, der Schifffahrt, den sinnlichen Vergnügen und derweltlichen Bildung Vorschub leisteten. Der Marmor ist daS Mittel, wodurch dieHand des Künstlers der Nachwelt die Körpergestalt und die Verdienste dieser großenMänner bewahrt. Da sehen wir die Minister im goldgestickten Fracke Gesetze ent-werfen; die Generäle, wie sie Schlachten commandiren; Dichter, welche Verse machen;Mathematiker, welche Figuren zeichnen und Maschinen bauen. Daher wollen dieGrabmäler durchaus nicht zum Style der Kirche passen. Während sonst in altenehrwürdigen Kirchen die Bilder der Verstorbenen betend, knieend oder im Grabe lie^gend dargestellt wurden, ist hier das weltliche Gewand und die irdische Beschäftigungder einzige Schmuck. Während sonst die Grabmäler im Baustyle der Kirche ausge-führt und als Zierde in die Wänve eingefügt wurden, erscheinen sie hier wie an dieWand angeklebt von einem Geschlechte, das den Geist, den Werth des Gotteshausesnicht kennt, oder nicht zu würdigen versteht. — So reich die Grabmäler sind, soarm sehen sie aus, weil daran jedes christliche Zeichen fehlt. Die Unsterblichkeit istnur dargestellt als ein Fortleben in dem dankbaren Andenken der Menschen, und alsein Fortwirken ihrer ehemaligen Leistungen sür Nutzen und Vergnügen. Von einerBelohnung durch Gott, von einer Begnadigung durch Christus wissen die stolzenDenkmäler nichts zu erzählen. Nicht zu verwundern ist's daher, daß man in dieserehemals katholischen Kirche keinen Opferaltar, kein Heiligenbild, kein Crucifix mehrsieht. Ja manche Blende, wo das Bild der seligsten Jungfrau oder eineö Heiligengestanden, ist jetzt leer und zerfallen, während daneben ein Grabmal von weißemMarmor allerlei Figuren zeigt, deren Haltung niemals christlich, oft nicht einmalanständig ist. Es ist, als ob an die Stelle der Religion der sinnliche Vortheil, an