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Kunstfertigkeit so viele nützliche Werke hervorbringen. Allein die Veredlung des Her-zens, die sittliche Vollendung der Seele, die Ausübung der Tugend ist jedenfallshöher anzuschlagen und dankbarer zu verehren, als alle industrielle Herrlichkeit deSGlaSpalafteS.
Unter den Ausstellern in London scheinen nur die Belgier diesen höhern Gedan-ken erfaßt zu haben. Um nämlich mit ihren kostbaren Kirchengewändern einen höhernGedanken auszusprechen, und den Geschmack zugleich im besten Lichte zu «eigen, habensie mit denselben drei Wachsfiguren bekleidet, und diese in Glaskasten aufgestellt.Der mittlere Glaskasten enthält eine Wachsfigur, bekleidet mit den Jnsignien einesCardinalS. Sie trägt eine reich mit Gold gestickte Mitra, einen würdevoll gearbei-teten Chormantel und was sonst noch zum prachtvollen Anzüge eines in kirchlichenFunctionen begriffenen CardinalS gehört, die rechte Hand ist segnend ausgestreckt, derBlick freundlich auf das beschauende Volk gerichtet. Der Glaskasten aber trägt dieUeberschrift! „Der Cardinal von Belgien ."
Das Wachsbild zu seiner Rechten stellt einen Erzbischof dar mit ernstem Ange-sichts. Nicht minder kostbar und kunstreich sind die auf Sammt in reichem Gold-schmuck gestickten Gewänder. Seine Rechte ist wie zur Belehrung und Warnungerhoben. Die Ueberschrift besagt: „Der Märtyrer von Canterbury." Zur Linken desCardinalS ist ein dritter Erzbischof im vollendetsten Glänze prachtvoller Kirchengewän-der aufgestellt. Freundlich lächelnd blickt er nach oben, seine Gestalt ist noch jugend-lich, sein Auge freudig strahlend, die Linke hält den Stab, die Rechte folgt der Rich-tung der Augen wie zum Lobe und Preise Gottes, und die Aufschrift heißt: „DerMärtyrer von Paris ."
Man erinnert sich noch, wie die Ernennung deS Herrn Wiseman zum Cardinalund Erzbischof von Westminster Veranlassung gegeben hat, die Cardinalswürde sammtPapst und Katholicismus zu verhöhnen. Fast hätte man fürchten mögen, daß dieKleidung katholischer Kirchenfürsten vor dem Publicum in London keine Gnade findenWürde. Aber gerade daö Gegentheil findet statt. Vor den Wachsfiguren der Belgierverweilt stets eine große Zahl von Beschauern, und es ist leicht wahrzunehmen, daßdie Erinnerung der Belgier an die Verdienste und die Freimüthigkeit katholischerKirchenfürsten mit einer gewissen Ehrfurcht aufgenommen wird, die weit entfernt istvon dem Geschrei, womit hoher und niederer Pöbel erst vor Kurzem die Straßenfüllte, und Cardinäle verbrannte.
Im Uebrigen ist die katholische Kunst in dem GlaSpalaste nur schwach vertreten.Katholische Kirchengewänder, Kelche und Monstranzen sind zwar auch aus England ,Frankreich, Bayern, Oesterreich und Spanien eingesendet. Aber die plastische Kunst,die so vielen Schmuck und so großartige Bildsäulen geliefert, sie hat in kirchlichenGegenständen fast nichts geliefert. Man vermißt biblische Darstellungen, Heiligen-bilder, Crucifire und Madonnen, während man die Hauptgänge mit Bildern ange-füllt sieht, die in Erz, Bronce und Marmor in rühmlicher Vollendung ausgeführtsind, aber unS beinahe in die heidnische Zeit zurückversetzen, indem sie meistens nurihren Werth in der Nachbildung nackter Leiber suchen, und nur sinnliche Ideen, wieKörperkraft, Muth, Schmerz, Unerschrockenheit, Angst, irdische Liebe darstellen. Sofehlt dem Geiste sein höchster Schwung zum Himmlischen, und die Ausstellung erscheintohne Einheit, ohne Mittelpunct, ohne geistige Erhabenheit und Größe.
Den nämlichen Eindruck machen die im letzen Jahrhundert erbauten Kirchen derStadt. Ihre Thürme ragen hoch in die Lüfte empor, und beurkunden den Reich-thum wie die Opferwilligkeit der Erbauer. Allein sie machen den Eindruck des Man-gelhaften, Unvollendeten, weil die Hauptsache, der Mittelpunct, die Einheit fehlt.Diese Thürme endigen nämlich oben in eine Plattform, umgeben von vier kleinenThürmchen, die auf den Ecken angebracht sind, und ohngefähr wie große Schorn-steine sich auSnehmen, weil die gothische Pyramide oder das spitze Schieferdach,worauf das Kreuz und der Hahn prangen müßten, gänzlich fehlt. ES scheinen dieBaumeister damit die englische Hochkirche finnbildlich dargestellt zu haben, welche sich