Ausgabe 
11 (28.9.1851) 39
Seite
305
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Ellster Jahrgang.

Sonntägs-Beiblatt

zur

Augsburger PoAzeitung.

S8. September SS. 1851.

Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige AbounementspreisTV kr., wofür es durch alle köni'gl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werde» kaun.

Zwei Predigten von Joseph Othmar ,

Fürstbischof von Seckau, BiSthumsverweser von Leoben .

II.

Erneuerung des Lebens.

ES ist nun Zeit vom Schlafe aufzustehen." Rom . 13, 11.

Zum zweiten Male haben wir uns versammelt, um das Gebet, durch welcheswir die Gnade des JubiläumSablasseS zu erwerben hoffen, dem Herrn unserm Gottund Vater gemeinsam darzubringen. In der Zwischenzeit sind wohl die Meisten vonEuch, theure Miterben der Verheißungen Christi, zu dem Brunnen der Läuterunghingetreten, welchen die göttliche Barmherzigleit unö eröffnet, und haben'durch einreumüthigeS Bekenntniß ihrer Sünden sich des Wortes der Lossprechung würdig ge-macht; die Uebrigen gedenken dieß in den nächsten Tagen zu thun und Jeder von unsbringt in dieß Gotteshaus fromme Gedanken und gute Vorsätze mit. Die gutenVorsätze, welche wir fassen, gleichen aber nicht weniger als die guten Lehren, welchewir anhören, einem Samenkorn, dessen Geschicke mannigfach sind. Der Tröster,welchen der Heiland uns gesandt hat, ist ein Licht, welches jeden Menschen erleuchtet,der in diese Welt kömmt. ES gibt keinen zum Bewußtseyn erwachten Menschen,welcher nicht im Lause seines Lebens höhere Regungen mahnend und einladend gefühlthätte, und die Erde trug wohl auch niemals noch einen Missethäter, welcher diesehöhern Regungen immerdar mit gleicher Verstockung von sich gewiesen, welcher ingar keinem Augenblicke seines Lebens guten Wünschen und frommen Vorsätzen irgend-wie Raum gegeben hätte. Auch der Sünder, welcher sich am frechsten wider dasGesetz der Heiligkeit empört, welcher in den dichtesten Finsternissen selbstgewählterVerblendung wandelt, hat wenigstens in frühen Jugendtagen Stunden gehabt, zuwelchen seine Seele sich den Einsprechungen des Himmels aufschloß und es bleibt ihmdavon auch eine Erinnerung, welche manchmal warnend emporstrebt. Wäre dasHimmelreich durch gute Vorsätze zu erobern, so würde die breite Straße, welche zumVerderben führt, einsam und verlassen daliegen. Allein sehr häufig sind unsere gutenVorsätze ein Samenkorn, welches Wurzel zu fassen nicht vermag, oder sie bringenzwar einige Keime der Werke hervor, aber der Eifer welket schnell dahin oder diesündige Begierde tritt ihnen entgegen und erstickt sie.

O ihr Menschenkinder, ruft der heilige Geist uns strafend zu, wie lange wirdeuer Herz noch träge seyn, wie lange werdet ihr die Eitelkeit lieben und die Lügesuchen I" Nein nicht mehr lange: denn eS ist nun Zeit, vom Schlafe aufzustehen.Wer den Zweck will, der muß auch die Mittel wollen; sonst geräth er mit sich selbstin Widerspruch «nd dieß will sich, wo es die Güter dieser Welt betrifft, Niemand