Ausgabe 
12 (21.3.1852) 12
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sind diese Worte gerichtet, damit ihr Weisheit lernt und nicht irret" (WeiSh. 6,5. u. ff.). Die Kirche muß envlich von der weltlichen Gewalt die Freiheit fordern,die ihr nöthig ist, um ihren von Gott erhaltenen Auftrag zu erfüllen.

AuS dieser Stellung der Kirche entstehen nun aber vie widersprechendsten An-klagen gegen sie, die freilich nur Entstellungen der Wahrheit, aber eben dadurchgeeignet sind, die Geister zu verwirren, Mißverständnisse hervorzurufen, trübe, un-klare Begriffe zu verbreiten, und in diese unklaren Wasser wirft dann der Geist derLüge seine Netze auS.

Wenn die Kirche das Volk ermahnt, sich der obrigkeitlichen Gewalt zu unter-werfen, so rufen die Verführer:Sehet da die Schmeichlerin, die Beschützerin allerMißstände unv Unterdrückungen;" wenn sie dagegen auch die Obrigkeit an ihre Pflich-ten ermähnt und unter Umständen sagt:Man muß Gott mehr gehorchen als denMenschen" (Avostelg. 5, 29.), und wenn sie die Freiheit fordert, ohne welche sienicht wirken kann, so ruft derselbe Lügengeist:Sehet da die Rebellin, die Ehrgei-zige, die Herrschsüchtige."

Aehnliche Anklagen sind nun auch in unserm Lande wiederholt gegen die Kircheerhoben worden, unv sie haben durch ein besonderes Ereigniß im vorigen Jahre neueNahrung erhalten. ES ist Euch, Vielgeliebte, bekannt gzworden, daß nach Vorgangaller Bischöfe Deutschlands zuletzt auch die Bischöfe der Oberrheinischen Kirchen-vrovtnz in einer Denkschrift vom März 135k von den betreffenden StaatSregierun-gen jene Freiheit für die Kirche gefordert haben, die ihr nach göttlichem undhistorischem Rechte zusteht und die ihr durch feierliche Verträge mit demheiligen Vater zugesichert ist. Kaum gelangte die Kunde hiervon in die Oeffentlich-keit, als fast sämmtliche Blätter, die in Eure Hände kommen und die von Haßgegen die Kirche erfüllt sind, diese Forderungen Eurer Bischöfe verdächtigten, undselbst Männer, die sich Katholiken nennen, haben sich seitdem nicht entblödet, mit 'Hinblick daraus von hierarchischen, ultra montanen Bestrebungen zu redenund sich an einer Stelle gehässiger Parteinamen zu bedienen, wo man vor AllemMäßigung unv ruhige Prüfung erwarten sollte.

Solchen Anklagen gegenüber, die Eure Liebe zur Kirche und Euer Vertrauenzu denen, die Gott bestellt hat, die Kirche GolleS zu regieren, nur erschüttern könn-ten, ist eS um so mehr meine Pflicht, Euch in einigen einfachen Sätzen zu zeigen,welche Stellung Gott seiner Kirche zum Staate gegeben hat. Ihr werbet darauserkennen, baß die Bischöfe hierin nicht nach Menschenwillkür handeln dürfen,sondern nach einem ewigen, unveränderlichen, göttlichen Gesetze.

Das Verhältniß der Kirche Christi zur weltlichen Gewalt erkennen wir inseinem wahren Grunde und seiner vollen Klarheit aus dem Verhalten deö göttlichenStifters der Kirche selbst.

Wenn wir oaö Leben des Heilandes betrachten, so finden wir in seiner Be-ziehung zur weltlichen Gewalt vier Grundsätze darin ausgesprochen, die seitdem bisauf den heutigen Tag die vier leitenden Grundsätze der Kirche geblieben sind.

Erstens leitet der Heiland die geistige Gewalt, die Er auf Erden ausübte,nie von irgend einer weltlichen Gewalt ab, sonvern immer von seinem Vater imHimmel.Von mir selbst bin ich nicht gekommen, sondern der Wahrhastige ist es,der mich gesandt hat, den ihr nicht kennt. Ich kenne ihn, denn ich bin von ihmund er hat mich gesandt" (Joh . 7, 2329.).Verherrliche deinen Sohn, damitdein Sohn dich verherrliche, jo wie du ihm vie Macht über alles Fleisch gegebenhast, damit er Allen, die du ihm gegeben hast, das ewige Leben gebe" (Loh. 17,12.).Ich habe deinen Namen den Menschen geoffenbart, die du mir von derWelt gegeben hast. Sie waren dein und du hast sie mir gegeben, unv dein Worthaben sie gehalten. Nun wissen sie, daß Alles, was du mir gegeben, von dir ist"(Joh . 17, 67.).Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden"(Matlh. 23, 13.). So spricht der Heiland an unzähligen Stellen und wiederholtimmer den einen Gedanken, daß er die Gewalt, die er auf Erden ausübte, nichtvon einem Menschen, sondern von Gott erhalten habe,