Ausgabe 
14 (4.6.1854) 23
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dieser Art sich zu machen gedrungen und gezwungen fühlt. AuS Rom wird derDarmstädterin" eine Menge Haarsträubendes berichtet von Reliquienverehrungvom Glauben an wunderbare Heilungen durch Reliquien u. s. w. ; unter anderm heißreS:Noch allerlei Empörendes könnte ich hinzufügen. So das förmliche Einsegnenam Hochaltar, unter Glockengeläute und Kirchengesang, von Lämmern, deren Wollezu den Pallien des Papstes und der Kardinäle (!!) verwendet wird, die Einweihung,d. h. Besprengnng mit heiligem Weihwasser, von Pferden, Maulthieren und

Eseln."---Meine Herren, ehe Sie so ungeheuer lärmen, lassen Sie sich

doch etwas sagen: Der Schreiber dieses hat einmal bei sehr christlichen Protestantengegessen, unv eS wurde ein Speisesegen oder Tischgebet gesprochen:daß Gott dieSpeisen denen, die sie genießen, zu ihrem Wohle angedeihen lassenmöge." Ueber Tisch kam darnach die Rede über verschiedene katholische Gebräuche;und eS wurde auch der sogenannte Leonharvisegen erwähnt bei welchem besondersim vorigen Jahrhunderte auch in manchen Gegenden Deutschlands die Hausthiere derBauersleute, wie Pferde, Rinder und auch Esel auf freien Plätzen vor Kirchen 5)in derselben Intention wie die Speisen vor Tisch gesegnet wurden, in derIntention nämlich: daß Gott dem Besitzer dieser Thiere, an deren Erhaltung seinezeitliche Existenz hängt daran keinen Schaden zukommen lasse und ihn andiesen seinen HauSthieren vor UnglückSsällen, die doch ihn so schwer betreffen,behüten möge. Ein junger Mann, der bei Tische saß, meinte nun, diese Gelegen-heit zu Witzen nicht vorübergehen lassen zu dürfen, und wollte geistreich seyn, indemer seine Verwunderung über denPferde- und Eselsegen" auSsprach. Ich erwiverteihm: daß er nach seiner Anschauung das Tischgebet, welches der Hausherr gesprochenhat, und das als ein schöner Ueberrest von alter Sitte noch in vielen Familien üblichist für einen noch größeren Unsinn halten müsse indem da mit demheiligen Gebet über todte Rinder, Esel (bei ächter Salami), ja sogar über todteWildschweine, über Ferkel, gesottene Krebse und Schnecken gebetet werde, und biemitdem angehenden Genie Gelegenheit geboten sey bei jeder Speise auf einen neuen

Witz zu sinnen.--Weun man aber für keinen Unsinn hält, die Speisen zu

segnen: waS so viel sagen will, als Gott zu bitten: daß uns der Genuß derselbenzu unserm Wohle gereiche so darf man in diesen Gebetkreis wohl auch die leben-den Hansthiere hereinziehen, indem man bittet: Gott möge diese Thiere den Besitzernderselben zum Nutzen gereichen und ihnen ans denselben keinen Schaden in ihremHauswesen zuwachsen lassen. Gebet nnd Segen geht also immer auf den Men-schen zurück und ist keine Weihe oder Hn'ignng der geistlosen Kreatnr, keine WeihedeS PserdeS, des Esels u. s. w., wag einem auch nur oberflächlichen Beobachterschon aus dem Umstand einleuchten dürfte, daß bei jener Ceremonie gerade die Pferveund Esel sich am ungebärdigsten zeigen und den Zuschauern hiedurch sogleich prak-tisch der PsalmenverS eregesirt wird: nolite liori 51'out eczuus et mulus, czuibusvon e8t intellevtu5. Zu deutsch : Werdet nicht wie Roß und Maulesel, die keineBernunfc haben. (3l. Ps, 9. VerS.) Somit hätten wir für die Darmstädter, ächtbiblisch geschlossen. (W. K. Z.)

*) So war eS noch im vergangenen Jahrhundert der Fall vor der zu Petersdorf bei Wien auf einem Hügel gelegenen Lconhardikirche, welche in den achtziger Jahren von einer eigenen Com-mission verkauft wurde mit dem Beding: daß der Käufer sie demoliren muffe, und somit nur da«hiedurch gewonnene Baumateriale sein gehöre. Lange wollte sich Niemand zum Kauf herbeilassenbis endlich ein illuminatischer Kopf nicht ohne Witze die große Capelle erstand. Bei der Abtragungder Kirche, die er selbst leitete, wurde er von einer einstürzenden Mauer erschlagen.