Ausgabe 
14 (1.1.1854) 1
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Vierzehnter Jahrgang.

Sonntags⸗Beiblatt

zur

Augsburger Poſtzeitung.

1. Januar Nʳ· 1. 1854.

Dieſes Blatt erſcheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementspreis10 fr., wofür es durch alle königl. bayer. Poſtämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann.

Chriſtus iſt geboren.*)

Es iſt ſehr unrecht vom Pfarrer, daß er da drüben in der Kirche immerſo übel von den Dornen redet! ſagte der Dornbuſch, der vor dem verfallenenStallgemäuer der Schloßruine der Dorfkirche gegenüberſtand. Es iſt ſehr unrechtvon ihm, denn er kann ja z. B. nicht wiſſen, was es mit mir für eine Bewandtnißhat! Auf dem Blutsacker bei Golgatha da ſtand vor bald 2000 Jahren meinStammbaum, ein Kreuzdorn, aus deſſen Zweigen flochten ſie die Dornenkrone desHeilandes. Der Pfarrer drüben aber weiß nicht, daß ich von dieſem Kreuzdornſtamme, daß alle directen Abkommen desſelben rothe Blüthen treiben, in der Chriſt-nacht blutige Thränen weinen, und daß wir Dornen uns ewig verjüngen wie ChriſtiLehre, denn wir ſind ja mit ihr verflochten!

So ſprach der Dornbuſch. Und da fuhr der Wind in ſeine Zweige und ſchüt-telte fie, daß Schnee von denſelben fiel.

Freilich, die Bewandtniß muß man kennen, ſagte der Dornbuſch.

Es war nun aber eben Chriſtnacht, und Mitternacht nahte heran, und darumſtellte der Dornbuſch ſeine frommen Betrachtungen an, die er indeß auch an andern

Tagen hegen mochte, wenn es mit ſeiner Abkunft wirklichdie Bewandtniß hatte,

deren er ſich rühmte. Inzwiſchen läutete man in der Kirche zur Chriſtmetten und derfromme Pfarrer ſchritt daher, um den Gottesdienſt zu halten.

Da geht er gleichgiltig an mir vorüber! ſagte der Dornbuſch. Natür-lich: er kennt ja meine Bewandtniß nicht! Und die übrigen eilen auch alle an mirvorbei in die Kirchen, und wenn der Herr Gott nicht ins Verborgene ſchauen könnte,er würde ſeine Gläubigen an den Fußſpuren erkennen, die von den Häuſern in dieKirche führen. Aber er kennt ſie Alle, denn er leitet ja ihre Spuren.. Ich jedochkenne Zwei im Dorfe, die nicht heute und nicht das ganze Jahr in die Kirche gehen,weil ſie gottlos ſind; es iſt der finſtere Schloßherr und der wilde Steffen, den derErſtere geſtern aus ſeiner Hütte gejagt, weil er den Miethzins nicht bezahlt, unddeſſen armes Weib mit ihren halbnackten Kindern nun hier in dem verfallenen Stalleliegt, vor dem ich Wache halte. Ich muß mich doch einmal nach der armen Frauund dem kranken Kinde umſchauen! ſagte der Dornbuſch und rankte ſeine Zweige,um in das zerbrochene Fenſter zu blicken.

Aber es war dunkel drinnen und der Nachtwind ächzte an den feuchten Wändenund durch das offene Fenſter.

Ach Gott, das arme Weib iſt ſo gut und doch ſo elend! Hier in dem Stalleſind Jammer und Zähneklappern heute die Chriſtbeſcheerung. Das iſt doch zu traurig!ſeufzte der Dornbuſch.

*) Mit einigen Aenderungen aus Hans von Wachenhauſens unter dem Titel:In der Mond-nacht kürzlich erſchienener Mährchenſammlung.