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Und, drüben in der Kirche begann die Orgel mit den feierlichen Tönen.—Chriſtus iſt geboren! ſang die Gemeinde dazu von dem Chore und von den Bänken.— Chriſtus iſt geboren! rief auch der Wächter vom Thurme herab.
Und der Dornbuſch hatte Recht. Drinnen in deu alten, verödeten Stalle lagein armes Weib auf den Knieen und betete. Heiße Thränen rannen über ihreWangen, krampfhaft hatte ſie die Hände gefaltet, ſtarr heflete ſie das Auge auf dasStroh, das ſich in der alten ſteinernen Krippe befand, denn in dieſer Krippe lag ihrJüngſtgebornes, ein halbjähriges krankes Kind, zitternd vor Fieberfroſt und Kälte.
Der Mond ſchien durch die Fenſteröffnung auf dieſe Gruppe, mitleidig ſielenſeine Strahlen auf das kranke Kind; aber ſie konnten es nicht wärmen und dieMutterbruſt vermochte dieß auch nicht mehr, denn ſie war ja ſelbſt ſo eiſig. Unddurch die Spalten des morſchen Daches, deſſen Lücken der Schnee bedeckte, fielen zuHundertlauſenden die kleinen glitzernden Schneeſternchen herab und ſpielten in denMondſtrahlen. Aber auch ſie leuchteten und wärmten doch nicht.
Heiland der Erde, der Du in dieſer Nacht geboren wardſt, der Du lebteſt undſtarbſt für uns Alle, der Du heute in einer Krippe lagſt, wie dieſes arme hilfloſeGeſchöpf, rette, o rette mein krankes Kind!— So betete das unglückliche Weib,und die kalten Händchen des Kindes ſtreckten ſich jammernd nach der Mutter aus.Ihre Kraft aber war gebrochen, ermattet ließ ſie die Stirne auf den eiſigen Randder Steinkrippe ſinken, ihr Auge ſchloß ſich, ein tiefer Seufzer entrang ſich ihrerBruſt. Tage und Nächte hindurch hatte ſie gewacht, Tage und Nächte des tiefſtenElendes hatte ſie verlebt; jetzt aber brach ſie zuſammen und der Schlummer erbarmteſich ihres Jammers.
— Du armes Weib, wo iſt dein Gatte? Du armes Kind, wo iſt dein Vater?— ſagte mitleidig der Dornbuſch draußen, ins Fenſter ſchauend.
Ja, wo war der Gatte, wo war der Vater?— Der wilde Steffen, wie manihn im Dorſe nannte, war, wie geſagt, geſtern Abend mit Weib und Kind ausſeiner Hütte gejagt worden; er hatte bei ſeinen Nachbarn ein Obdach geſucht, dieaber hatten von ihm nichts wiſſen wollen, denn ſie fürchteten ſich vor dem gottloſenSteffen, der nie gut gethan, wie ſie ſagten. Und ſo war er dann mit den Seinenin das verlaſſene Stallgemäuer gezogen. Dann aber waͤr er racheſchnaubend fortgeeiltund vergebens hatte ſein Weib, ein Unglück befürchtend, ihn zurückzuhalten geſucht.— Wo war der wilde Steffen?— Die Glocken läuteten, die Orgel tönte, die Ge-
meinde ſang fromme Lieder in der Kirche und der brave Pfarrer ſtand am Altare und
ſang:„Ehre ſey Gott in der Höhe, und Friede den Menſchen auf Erden, die einesguten Willens ſind.“
Droben in dem alten Schloſſe aber in einem unheimlichen Gemache ſaß nebendem längſt erloſchenen Kamin ein Mann mit finſteren, abſtoßenden Geſichtszügen.Es war der Schloßherr, ein hartherziger Mann, den man fürchtete, ſo weit ſeineGränzen reichten. Das Licht vor ihm auf dem Tiſche war tief herabgebrannt, ſeinAntlitz war ſtarr und regungslos, ſein Auge geſchlofſen. Es ſchien, als ſchliefe er,aber er war ſo entſetzlich bleich.
Und während nun unten in den Hofgebäuden die Dienerſchaft ſich tummelte,ſchlich ein Mann die Treppe hinauf und durch den finſtern Corridor. Leiſe öͤffneteer die Thüre des großen Gemaches, leiſe trat er herein und neben den Seffel, inwelchem der Gutsherr ſchlummerte. Das Auge des Fremden leuchtete in wilder Gluth,ein Hohnlachen entſtellte ſeine verwitterten Züge. Einen Blick that er ſcheu imZimmer umher. Ein Meſſer glänzte hoch in ſeiner Rechten, die Linke packte die Handes ſchlafenden Gutsherrn. Das Meſſer zuckte——
— Chriſtus iſt geboren! ſang man in der Kirche drüben.
Der wilde Steffen fuhr entſetzt zurück, die Hand des Gutsherrn war eiſig kalt;er hatte eine Leiche gefaßt.
— Chriſtus iſt geboren! rief auch der Thürmer herab, denn der Gottesdienſtwar zu Ende und die Gemeinde eilte nach Hauſe.
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