Ausgabe 
14 (1.1.1854) 1
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Das Meſſer entſank Steffens Hand; noch einmal ſtarrte er die Leiche an; eswar ihm, als ſchlage ſie ſtrafend das kalte Auge auf. Sein Antlitz mit beiden Hän-den verhüllend, ſtürzte Steffen fort. Niemand hatte ihn in das Haus ſchleichen ſehen,Niemand ſah ihn jetzt vor dern verödeten Stalle verweilen und durch das Fenſterſtarren Niemand außer dem Dornbuſch. Fürchterlich bleich ſchaute Steffen in dasInnere des Stalles; dort ſah er ſein Weib knieen, eben ſo regungslos, wie die Leichedort oben im Schloſſe, nur ſchöner; und mild und rein wie die Unſchuld das Kindin der Krippe. Da rannte Steffen fort, ſich ſelbſt unbewußt ſtürzte er durch dieoffene Kirchenthüre und ſank ohnmächtig an den Stufen des Altares nieder.

Der Pfarrer aber ging ſo eben nach Hauſe. Er kam an dem Dornbuſch vor-über und ſah zwei kleine Knaben unter demſelben im Schnee ſitzen. Sie froren undbargen ihre rothen Händchen in den Lumpen.

Nimm ſie mit dir! ſagte der Dornbuſch zum Pfarrer, es ſind die Kinderdes wilden Steffen; ſie wagen ſich nicht hinein, aus Furcht, daß der Vater ſieſchlage, weil ſie mit leeren Händen nach Hauſe kamen! Nimm ſie mit Dir, dennich kann ſie nicht erwärmen; ich bin ja ſelber arm und nackt!

Wir wiſſen nicht, war es der Dornbuſch, oder das Herz des Pfarrers, dasalſo ſprach; er aber nahm die Kinder mit ſich in ſein Haus.

So, nun habe ich doch eine Sorge weniger! ſagte der Dornbuſch zu ſichſelbſt. Jetzt zünden ſie hier und da und dort ſchon den Chriſtbaum an!Wie ſchade, daß ich dort nicht unter den Fenſtern ſtehe, denn hier in dem öden Stallewirds nichts zu ſehen geben.

Aber der Dornbuſch irrte, denn das Innere des Stalles erhellte ſich alsbaldmit tauſendfachem Licht. Noch immer knieete das arme Weib mit geſchloſſenen Augenda, aber das kranke Kind, es wachte und ſtreckte lächelnd ſeine kleinen Arme aus,denn das Dach öffnete ſich und herabſchwebten, von einer Lichtwolke umgeben, zweiwunderliebliche Engel, von denen der eine einen kleinen Chriſtbaum mit unzähligenLichtern, der andere aber köſtliche Geſchenke trug. Und es ward warm, in dem Stallund das Licht warf einen ſolchen Schein über die Straße, daß der Dornbuſch ſichverwunderte.

Es iſt doch keine Hütte ſo ſchlecht, wo in dieſer Nacht nicht Chriſtus wäre! ſagte er.

Die Engel aber ſchwebten herab und während der eine den Chriſtbaum beſcheerte,trat der andere zu dem kranken Kinde und legte heilend ſeine Hand auf deſſen Bruſt.Dann ſchwebten ſie wieder hinauf und verſchwanden; in dem Stalle aber blieb esLicht. Inzwiſchen aber lag der wilde Steffen auf den kalten Altarſtufen. Endlichkam er jedoch wieder zum Bewuüßtſeyn. Er hob den Kopf vom Stein; er hatte einwunderbares Geſicht im Traume gehabt, denn er hatte zwei liebliche Engel geſehen,die ſegnend ihm zur Seite traten; und jetzt eben noch, da er erwachte, ſah er ſieneben ſich ſtehen, er fühl‘e, wie jeder von den Engeln ſein warmes Händchen in dieſeinige legte und ſie ihn zur Kirche hinausführten.

Steffen war es, als träumte er noch, als werde er im Schlafe von den beidenkleinen Engeln vor die Kirche und zu dem Stalle geführt, in welchem er ſein armesWeib, ſeine jammernden Kinder wußte. Willig ließ er ſich führen; als er aber unterſein ödes Dach trat und er hier alles warm, licht und hell ſah, als er die Chriſt-beſcheerung gewahrte, da rieb er ſich die Augen, er ſtarrte auf die Engel hinab, dieihn hierher geführt und noch an ſeiner Seite ſtanden. Steffen erkannte, in ihnen ſeinebeiden älteſten Knaben, feſtlich und ſchön gekleidet, wie er ſie nie geſehen.

Noch immer glaubte er, es ſeh ein Traum. Er hob die beiden Kinder in ſeine

Arme; er hielt und küßte ſie Nein, das konnte kein Traum ſeyn. Chriſtus iſt geboren! rief der Wächter vom Thurm herab. Ja, ja,er iſt geboren, und auch in mir iſt er es! rief Steffen aus und mit den beiden

Knaben im Arme ſtürzte er zu ſeinem Weibe; er umſchlang ſie, drückte ſie an ſichund rief: Hanne, erwache, Chriſtus iſt ja geboren!