Ausgabe 
14 (1.1.1854) 1
Seite
4
URN (Seite)
  
 
Einzelbild herunterladen

4

Und ſie ſchlug die Augen auf und ſchaute verwundert umher. Wie iſt mirdenn? rief ſie. Biſt du es wirklich, Steffen? Und dieſes Licht hier? Iſt es denn wahr, was mir träumer? Zwei Engel ſah ich kommen, ſie trugeneinen Chriſtbaum und ſchöne Geſchenke, und der eine trat an die Krippe hier und

legte heilend die Hand, auf meines Kindes Bruſt ! Ja, ja, es iſt wahr! Eslebt! jauchzte ſie, nahm das lächelnde Kind aus der Krippe und drückte es andie Bruſt. Es iſt wahr, Steffen! rief ſie, das Kind in ſeine Arme

legend. Der Heiland iſt gebören, er hat mir auch mein Kind nicht ſterben laſſen!

Und während ſie Alle die Chriſtbeſcheerung anſtaunten, trat der Pfarrer hinterdem Chriſtbaum hervor, denn er war es, der durch zwei brave Kinder aus der Ge-meinde die Weihnachtsbeſcheerung geſandt, er war es, der den wilden Steffen anden Stufen des Altars hatte hinſinken ſehen, er war es, der ſeine Knaben feſtlichgekleidet und ſie zu dem Vater in die Kirche geführt hatte.

Chriſtus iſt geboren, ſagte der Pfarrer, und Er will, daß er heuteauch in der kleinſten Hütte nicht fehle. Wo er aber zum erſtenmal einkehrt, das iſtin Euerem Herzen, Steffen; wahrt ihn dort wohl, denn Ihr wiſſet, es iſt im Himmelmehr Freude über einen bekehrten Sünder, als über neunundneunzig Gerechte!

Und der Dornbuſch ſchaute noch immer ins Fenſter, es rauſchte vor Freuden inſeinen Aeſten, und wie es der Kreuzdorn in jeder Chriſtnacht thut, trieben ſeine Zweigepurpurrothe Augen, die weinten blutige Thränen in den Schnee.

Am Morgen aber ging Steffen mil Weib und Kindern zur Kirche, und esmußte in der Zwiſchenzeit noch etwas weiteres zwiſchen ihnen und dem Pfarrer vor-gegangen ſeyn, was in ihrem leiblichen wie in ihrem Seelenzuſtand eine Veränderunghervorbrachte; denn man ſah fie beide in beſcheidener aber anſtändiger Kleidung, intiefer Andacht zum Tiſche des Herrn hintreten. Die Leute des Dorfes aber gingen inFeſtkleidern an dem Dornbuſch vorüber, und als ſie den Schnee unter ihm gleichſaminit rothen Perlen beſtreut ſahen, riefen ſie: Seht nur, der Kreuzdorn hat in derNacht rothe Blüthen getragen!

Ja, antwortele der Kreuzdorn, denn Chriſtus iſt ja geboren! WirDornen, wir wiſſen es, denn wir haben ihn ja im Tode gekrönt, und ihr Menſchen,ihr müßt es auch wiſſen, denn er ward ja für euch gekreuziget!

Bilder aus Jeruſalem mit und ohne Rahmen.

(November 1853.) Jeruſalem iſt die Stadt der Leiden, und der Herr hat mirauch meinen Antheil zugewogen; ich habe aber die Schaale bereits geleert, unddarum finden Sie mich auch ſchon vor meiner Staffelei, bereit, einige Bilder ausJeruſalem für Sie zu zeichnen.

I. Eine Wunde am Fuße, die mir der Stich eines giftigen Inſektes vor un-gefähr fünf Wochen zugezogen, hinderte mich während der genannten Friſt an weiterenAusflügen; ich muß mich daher bei dem Entwurfe meiner Bilder zumeiſt auf denengern Bezirk der Stadt beſchränken. Aber auch in der Stadt bin ich dieſe Zeit nurwenig umhergekommen; denn, wie geſagt, ich habe mein Leidensſchälchen, und neben-bei auch etliche Medicinſchalen, leeren müſſen. Der Fremde, welcher die heilige Stadtzumal in den Monaten Auguſt, September und October beſucht und innerhalb ihrerMauern längere Zeit verweilt, entgeht nicht leicht der Gefahr der Fieber, welche umdieſe Zeit herrſchend ſind und beren Charakter ſich meiſt von ziemlich hartnäckiger Naturerweist. Selbft die an das Klima ſchon mehr gewöhnten Franciscaner blieben nichtverſchont, und es zählte die Infirmerie verfloſſenen Monat(September) nicht wenigerals 17 Patienten des Salvatorkloſters.Si deye pagare iſt in dieſem Sinne hierzum Sprüchworte geworden, und auch ich habe meinen Tribut redlich bezahlt undden ſatalen Kampf mit dem gefährlichen Feinde beſtanden, wobei ich nicht umhinkann, der freundlichen Theilnahme und liebevollen Pflege dankbar zu gedenken, deren