Mißmuthig nahm der alte Jgnaz seine Gallalivree auS dem Kasten, undgegen seine Gewohnheit zog er sie an, ohne vorher einen prüfenden Blick darauf zuwerfen, um jedes Stäublein zu erspähen. Heftete er sonst voll Stolz daS Kanonen-kreuz auf die Brust, so geschah dieß heute nur mit einem schweren Seufzer. Früherschon hatte er daS blanke Silberzeug hergerichtet, den Tisch gedeckt, die Lichter ange-zündet, ohne seine muntern Soldatenweisen zu pfeifen.
Gerne möchten wir nach dem Grunde dieser Verstimmung fragen, aber i» denHof rollende Wagen lassen uns nicht mehr Zeit dazu; denn schon hat der alle Jgnazseinen Posten im Vorzimmer eingenommen, um den eintretenden Herren und Damendie Flügelthüren des Salons zu öffnen. Heute ist ja Spiel und Souper bei demneuvermählten Paare, und das ist eS, was den treuen Diener aus der Fassungbringt.
Durch vierzig Jahre, die er in der Familie diente, ward eS nicht erhört, daßman am Quatember mit Fleisch bewirthet hätte; darum läuft eS ihm kalt über denRücken, daß er seine Hände dazu bieten muß, so viele Rchrücken und Fasanen, Schin-ken und KälberneS herein zu befördern. Mit schwerem Herzen tritt er um zehn Uhrin daS Speisezimmer, um dort seine Obliegenheiten zu erfüllen; dem Herrn deSHauseS kann es nicht entgehen, daß sein alter, sonst so freundlicher Diener ganzverändert sey.
Des andern Tages sollte jener erfahren warum; denn während Jgnaz seinenHerrn ankleidet, spricht er: „Halten zu Gnaden, weil eS just Zeit ist, so möchte ichbitten, mich in vierzehn Tagen zu entlassen."
Erstaunt sieht ihn der Herr an und fragt, wer ihm etwas zu Leide gethan habe?
„O Niemand, aber ich habe keine Freude mehr in Ihrem Hause, und über-haupt nirgends mehr; ich bin schon zu alt."
„Aber Jgnaz, du kannst ja immer bei mir bleiben; wenn ich eS auch nichtversprochen hätte, so würde ich mich niemals von dem Manne trennen, der mit mei-nem Vater so viele Feldzüge gemacht, ihm beigestanden, als er verwundet gelegen,ihn monatelang gepflegt, ihm sogar mit seinem Sparpfenmg auSgeholfen."
„Ja, wenn der Herr General noch am Leben wäre, da ginge ich auch nicht;da war unser HauS noch ganz anders. Ich habe auch gemeint, daß ich werde da-bleiben können; ich wäre gar gerne in dem Hause gestorben, wo mein seliger Herrseine Augen geschlossen hat; aber eS ist nicht möglich."
„Warum soll eS nicht möglich seyn? Ich verstehe dich nicht, Jgnaz."
„ES hat mir fast das Herz gebrochen, bis ich eS verstanden habe. HeuteNacht habe ich geweint wie ein Kind. Wenn meine Kameraden das gesehen hättenES ist keine Kleinigkeit, von einem Herrn zu gehen, den man auf den Armen getragen,den man ererziren gelehrt hat, an dem man mit Leib und Seele hängt. — Aber eSheißt halt: „Du sollst Gott deinen Herrn über Alles lieben." Und so einen Abend,wie den gestrigen, mag ich nimmer erleben."
„WaS ist denn gestern geschehen, das war ja doch nicht daS erste Souper?«'
„DaS erste an einem Fasttage, Euer Gnaden, und da habe ick mir gedacht,wenn das so Hauöbrauch wird, wenn kein Quatember und keine Fasten mehr etwasgilt, da suche ich mir ein christliches HauS."
Beschämt reicht ihm der Herr die Hand und spricht tief gerührt: „Du brauchstdir eS nicht erst zu suchen; das meine soll es immer bleiben. Ich gebe dir mein Wort,daß dich Hinsort nichts AehnlicheS mehr kränken soll, und danke dir herzlich, daß deingerader Sinn mir die Augen geöffnet hat."
Der Herr hielt Wort, und der Diener erlebte noch die Freude, dessen Kinderauf den Knieen zu schaukeln, die er wie ein Großvater liebte.
Nicht alle Herren dürften seyn wie dieser, und dem Fingerzeig, den ihnen eintreuer Diener gegeben, folgen. Freilich setzt eine solche Bereitwilligkeit die Grundlage