»t
der andern Seite an die Kirche an. Unter den dortigen Aranken befanden sich sehrviele Neger, deren cS am Orte überhaupt eine große Menge gibt. Der Glaube fastaller Einwohner ist der katholische; doch sollen sie sehr lau seyn, was Gott rechtbald ändern wolle. ES gibt mehrere Kirchen daselbst, die aber nicht sehr besucht zuseyn scheinen. Auch die Neger find katholischen Glaubens, aber leider sehr verwahr,loSt. Jedoch die Freundlichkeit und Zuvorkommenheit derselben ist groß und find sieganz glücklich, wenn sie Jemanden einen Dienst erweisen können. AIS wir landeten,mußten wir ihnen die Hand reichen zur Begrüßung. Ich habe diese Unglücklichensehr lieb gewonnen.
Betet nur auch für sie, auf daß wir hier recht viele Seelen für den Himmelgewinnen. Nicht weniger sind Eurem Gebete zu empfehlen die so vielen und sehrleidenden Kranken und Verlassenen. Wahrlich, eS gibt hier große» Elend, da indaS neue Gebäude, welches außer dem Hospitale, in dem wir uns befinden, nocheingerichtet wird und wohin ebenfalls Barmherzige Schwestern zur Pflege der Krankenverlangt werden, wegen Mangel an Raum nicht Alle aufgenommen werden können."
Katholische Nächstenliebe.
In Frankreich lebte ein Mann, dem die Wohlthätigkeit zur andern Naturgeworden war. Er suchte die Unglücklichen mit eben dem Eifer auf, mit dem manGlücklichen entgegeneilt; und das Wenige, waS er besaß, war zugleich das Eigen-thum deö Dürftigen. Ost reisete er bloß in der edeln Abficht, Menschen zu suchen,die seiner Hilfe bedürften.
In Marseille fand er einst einen jungen Mann von 26 Jahren, der sich durchseine sanfte, rührende GestchtSbildung von den übrigen Galeerensklaven, deren Gesell-schaft er vermehrte, gar sehr unterschied.
„Mein Freund, Du weinst!" redete er ihn mit dem Tone deS innigsten Mit-leides an; „ich kann Dir leider nur wenig Hilfe anbieten, aber dieß Wenige istvöllig Dein."
„Ach, mein Herr, ich bedarf fein Geld, um mein jammervolles Leben durchzu-bringen; eS ist auch nicht mein Unterhalt, der mir am Herzen liegt!" Dabei ström-ten die Thränen des Unglücklichen reicher. Auf die Frage, ob denn Nichts zu seinerErleichterung beizutragen sey, erwiderte der Arme: „O, mein Herr! Sie lindern meinElend durch Ihr Mitleid, Sie find der Erste, der dieses bei meinem Jammer zeigt;Gott lohne Sie dasür!"
Als der Unglückliche um die Ursache seines besondern Kummers weiter gefragtwurde, erzählte er, daß er der Sohn eines Pächters, eines braven ManneS sey,und sich vor längerer Zeit verleiten ließ, in einem fremden Gebiete zu jagen, wobeier daS Unglück gehabt habe, einen Menschen, der diese Jagd nicht gestatten wollte,beinahe zu tödten; man habe ihn, den Thäter, inS Gefängniß gebracht und balddarauf sey er zu sechsjähriger Galeerenarbeit verurtheilt worden. Seinen Vater habeder Schmerz bei dieser Nachricht getödtet; sein kleines Vermögen sey bei den Ver-suchen, ihn von der schmählichen Strafe zu befreien, zu Grunde gegangen und soauch sein Weib mit den Kindern in daS tiefste Elend gestürzt, und vor Mangel undKummer dem Tode nähergebracht worden. In zwei Jahren erst sey die Strafzeitzu Ende; was sollte bis dahin mit den Seinen geschehen?! „Ach," schloß der Armemit bittern Thränen, „wie wollte ich arbeiten, wenn ich bei Ihnen wäre!"
„Du hast gefehlt," sagte der Mann bewegt, aber Du bist wahrlich unglücklich.Jetzt ist aber nicht der Augenblick, von dem Fehler zu reden, von dem ich glaube,daß Du ihn bereut hast; waS ist in Deiner jetzigen Lage wohl zu thun? Wenn sichJemand anböte, Deine Ketten zu übernehmen, würde man Dir die Freiheit schenken?"»Gewiß, mein Herr," erwiderte der Gefangene; „aber wo auf der ganzen Erdefände sich ein Mensch, der sich freiwillig' solchem Elende unterziehen würde, alleSchätze der Welt —"