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Das war doch mehr als ein Christbaum; das waren Aepfel aus dem Paradiese,und Christus der Baum deS LebenS , den Gott in daS neue Paradies, in die seligsteJungfrau gepflanzt, und dem wir sie abpflückten. — So, glaube ich, lernen Kindervom göttlichen Kinde Kinder seyn, und so wird die Kindheit geheiligt, so hat zarterSinn und innige Liebe, die nimmer ganz schwindet, im Hause seine Nahrunggesunden.
Wenn uns aber jetzt so Jemand von den Nüchternen gehört hätte! Der würdeuns schelten, daß wir Märchen daS Wort reden; und auftreten könnte cr »och dazugründlich gegen unS; denn von allem Dem steht kein einziges Wort in der heiligtSchrift. Aber mein Freund, wenn dieß wirklich nicht geschehen ist, hätte eS dennnicht geschehen können? Ist eS nicht dem Ereignisse, der Jvee der Erlösung, und inFolge dessen dem menschlichen Gefühle ganz angemessen? Sind diese Umstände nichtdie zartesten poetischen Blüthen der kindlichsten Pietät, gestreut um die Krippe Jesu?Wer sollte jener und der heiligen Freude eS wehren, solche Blüthen aufschießen zulassen, poetisch zart zu werden, da ja Gott Mensch geworden, um unS Menschen-kinder heimzusuchen in den Stricken AdamS, in den Banden der Liebe? Da ist eSschon am Platze, gcfühlig zu werden, wie Kinder, ohne sich zn schämen; denn leiderist die Welt in der Affectation falscher Gefühle und Empfindcleien so weit gekommen,daß sie nicht mehr recht weiß, was Gefühl ist, und daß, um mit Mathias Claudiuszu reden, ein ehrlicher Kerl fast sich schämen muß, gerührt zu seyn. Bald wäre eSso weit gekommen, daß die Fluth der fabriksmäßig betriebenen und ans Leidenschaftenspeculireuden Roman- und Theater-Literatur daS Herz fast ganz verwaschen hätte,wäre eS nicht so unergründlich tief, und hätte nicht Derjenige, welcher dem Slnrmcund dem Meere gebietet, und Der im ruhigen Spiegel deS Herzens sein Abbilvschauen will, sich nicht die Macht bewahrt, den Teufel, der aus Sturm spcculirl,um im Trüben zu fischen, auSzutreiben, und daS Gefühl wieder zu wecken für dieanbetungswürdigen Geheimnisse der Erlösung, und für daS Leben deS WeltcrlöserS,in welchem alles Lebe » der Menschheit, im Großen wie im Kleinen, vorgespiegelt ist.
Sie wissen ja, woher die Wunden der Gesellschaft sind. Sie sind ja zumTheile aufgebrochene Eiterbeulen von genossenen schlechten Speisen. — Sie wissen,wo die BilduugSschule der modernen Menschheit ist; Sie wissen, daß wir kein christ-liches Theater haben, und noch weniger ein solches, wo ein katholischer Geist durchdie Charaktere weht; Sie wissen, wie die besten Stücke nicht viel nutz sind, wollenwir, wie wir sollen, ihren sittlichen Gehalt in Betracht ziehen. Sie wissen, wie vieleAffenlarven, nach dort sich modellirend, durchg Leben gehen, wie bei jeder Kleinigkeitder Blick unnatürlich und lügenhaft in Thränen schwimmt, nimmer aber daS Herzweich wird, wenn der Engel des Himmels den Abgrund der Frendc meldet, wieDerjenige, welcher Erd' und Himmel schuf, aus Liebe zu uns ward ein kleinessüßeS Kind.
(Schluß folgt.)
Die heilige»» Orte.
Mit Strömen Blutes und später auch mit Geld hat die katholische Welt dieheiligen Orte als ihr Eigenthum erworben; eine eigene Wehmuth, weil gemischt mitder tiefsten Entrüstung, ergreift das Herz eincS jeden wahren Katholiken, wenn ersieht, wie Fremde, die kein Recht auf diese heiligen Orte haben, nun kommen, umdaS Wohlerworbene der katholischen Welt streitig zu machen, Stück für Stück davonsich aneignen und nicht undeutlich die Absicht durchblicken lassen, sie am Ende gänz>lich aus dem Besitz zu verdrängen.
AIS daS christliche Reich in Palästina sich seinem Untergange zuneigte, wurdenvom heiligen FranciScuS von Assissi, der eine Pilgerfahrt nach dem heiligen Landeunternommen hatte, Glieder seines Ordens als Wächter der heiligen Orte bestellt.