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Bei der Eroberung von Jerusalem durch die Sarazenen, so wie bei derjenigen vonPtolomäuS, wurden alle OrdenSglieder von diesen ermordet. Allein neue strömtenauS Europa herbei, um die Märtyrerkrone sich zu verdienen; die Türken, welche sieals eine Art Derwische ansahen, und Zeugen ihrer Frömmigkeit, Sanftmuth undArmuth waren, ließen sie allmälig gewähren, überließen ihnen sogar eine Wohnungauf dem Berge Sion und einen Play beim heiligen Grabe.
König Robert von Sicilien und seine Frau Sancha kauften, um die heiligenOrte gegen die Muselmänner zu schützen, diese dem Sultan von Egypten um einegroße Summe ab; ihre Bewachung wurde durch Bulle vom 2l. November 1342 vomPapst Clemens V. den FranciScanern übertragen. Die Königin Sancha ließ auf demBerge Sion ein Kloster bauen, welches daS Cönaculum einschloß und setzte für zwölfReligiösen und drei Laienbrüder eine Dotation auS.
Allein der türkische Fanatismus gestattete ihnen keincn ruhigen Besitz; imJahre 139 l wurden alle Ordensglieder von den Türken massakrirt; auch späterwiederholten sich solche Gräuelscenen an einzelnen oder mehreren der Wächter derheiligen Orte. Im Jahre 1561 wurden sie gänzlich vom Berge Sion vertrieben;doch jagte man sie nicht auS der Stadt; eS gelang ihnen sogar, daS Kloster und dieKirche deS heiligen Erlösers mit schwerem Gelde von den Türken zu kaufen.
Die GlaubenSfpaltuug in Europa brachte die heiligen Orte in einem großenTheile des Abendlandes beinahe in Vergessenheit; die treuen Wächter aber, verlassenvon aller Welt, verließen darum daS ihnen anvertraute Heiligthum nicht; sie sam-melten die zerstreuten Gläubigen im Lande, errichteten Klöster, Spitäler und Schulen,und übten Gastfreundschaft gegen die vielen meistens armen Pilger, welche daS heiligeLand besuchten. Die Türken ließen sie nach und nach in Ruhe; nun kamen aberandere Feinde, die bald gefährlicher als alle anderen zu werden drohten, die verschie-denen christlichen Secten, welche ihnen ihren rechtmäßigen Besitz streitig machten undbei der bestechlichen türkischen Regierung durch Gold leicht ihr Unrecht in sogenanntesRecht zu verwandeln vermochten. «Die guten Mönche wehrten sich, so gut sie konn-ten, allein verlassen von Europa blieb ihnen nichts als die Berufung auf ihr gutesRecht, die aber gewöhnlich vor dem Klang des GoldeS den Kürzern zog. So istcS gekommen, daß nicht mehr die Hälfte der Heiligthümer im Besitze der Katholikenist und daß sie Gefahr laufen, alle sammt und sonders zu verlieren, wenn nicht diekatholischen Mächte Europas dazwischen treten. Gegenwärtig sinv die FranciScaner in Jerusalem nur noch im Besitz der Capelle der Geiselung, einiger Heiligthümer inder Kirche des heiligen Grabes und der kleinen Kirche zum heiligen Erlöser. Dieübrigen gehören theils ausschließlich den Griechen und Armeniern, theils sind sie diesenund den Katholiken gemeinsam. Kein Mittel, auch nicht daS schlechteste, wird vonden Griechen unversucht gelassen, um die Katholiken zu verdrängen. Wir wollen hierzwei Thatsachen auS den Mittheilungen unseres Reisenden erwähnen.
Der Ort, wo daS heilige Kreuz aufgerichtet wurde, gehört den Griechen; alleindie Katholiken haben daS Recht zu religiösen Functionen daselbst. EineS TageS beieiner feierlichen Procession war von den Griechen der ganze Boden daselbst und auchder Ort, wo daS heil. Kreuz stand, mit einem rothen Teppiche bedeckt worden. DieFranciScaner, wohl wissend, daß, wenn man dieses ohne Einspruch geschehen lasse,daraus in kurzer Zeit ein Recht des ausschließlichen Besitzes werde gefolgert werden,verlangten vom anwesenden griechischen Popen Entfernung deS Teppichs und, alsdieser sich weigerte, schickten sie sich an, selbst den Teppich wegzunehmen. Jetzt aberfielen die Griechen mit Dolchen über die Proceffion her, und eS entspann sich einblutiger Kampf in den geheiligten Räumen. Mehmet-Pascha , damals Pascha vonJerusalem, der dieses unserm Reisenden auf seiner Rückkehr selbst erzählte, stellte sichnachher selbst in die Nähe des Altars und hob mit dem Säbel den Teppich weg.
Ei» anderes Factum ist Folgendes: Seit einiger Zeit suchte» die Griechensowohl an dem heiligen Grabe, als an der darüber gewölbten Kuppel einige Verän-derungen anzubringen. Die FranciScaner, wohl wissend, daß dieses nur in der Ab-