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Bossuet gegenüber minder beengt, und trage ihm zu widersprechen keine Scheu mehr.Es mag das Alter ihn mürrisch gemacht haben, denn er war, als er seinen Bann-fluchbrief gegen das Theater schrieb, dem Ende seiner Lausbahn ziemlich nahe. ESist möglich, daß er, in seiner Jngend wie in seinem Mannesalter, verstohlen zärtlicher,zwar erfolgreich bekämpfter, aber darum nicht minder vorhandener Anwandlungen be-schuldigt, die ihm verbotene Frucht, weil ihr Genuß ihm versagt war, als eine Gift-pflanze verfluchte und verschrie. Auch mögen die Ausschweifungen, die schon damalsauf der Pariser Bühne grassirten, ihn mißtrauisch gemacht, und ihm selbst für daSGute, waS sie brachte, den richtigen Maßstab genommen haben. Bei alledem aberbleibt eS mir ausfallend, daß ein so großer Kirchenlehrer die Darstellung der mensch-lichen Schwäche, Verkehrtheit und Verderbnis) so ungestüm und ohne Rückhalt ver-dammte. Ich kann mir schwer erklären, wie es einem so ungemein scharfsinnigenGeist entgehen konnte, daß die Kirche im Allgemeinen und als Dogma nur daS vonjeher lehrte, was die Bühne, wenn sie anders ihrem Beruf treu bleibt, im Kleinenund Einzelnen darstellt, die gefallene Menschheit. Wollte Bossuet folgerichtigseyn, so durfte er eS nicht dabei bewenden lassen, dagegen zu eifern, daß man dieNachtseite des Lebens in zerstreuten Bildern zeige, er mußte die Unterdrückung allerRede von dem Daseyn deS Uebels verlangen, und die Quelle, auS der Komiker undTragiker, Shakspeare und Moliöre, Kotzebue und Scribe schöpften, den Sündenfallunserer Ureltern, abzusperren anrathen.
Die Mission in Aschaffenburg .
AuS Aschaffenburg , 27. März, wird dem Volksboten hieiüber berichtet:„Heute sind'S gerad' fünfzig Jahre, seit die Jesuiten hier auS ihrem Kollegium ent-fernt und unter den Thränen der Bevölkerung in andere Klöster gebracht wurden. Undgerad' hent', nach einem halben Jahrhundert, haben die nämlichen Jesuiten hier einenTriumph gefeiert, wie kaum an einem andern Orte. Es war der Schluß der hl. Mis-sion, die vor vierzehn Tagen begonnen, vvn Tag zu Tag größere Theilnahme fandund heute endete. Wer hätte auch der christlichen Liebe und der UeberzeugungSgabedieser Männer, die vom Beichtstühle wie von der Kanzel unermüdlich für das, Heilder Seelen arbeiteten, wiederstehen können! Dieser letzte Tag zeigte insbesondere, wienicht nur alle Vornrtheile geschwunden waren, sondern wie lieb Alle die Missionäregewonnen hatten. Wohl an 19,l)l1l) Menschen mochten vor dem freien Platze vorder Stiftskirche versammelt seyn, als heute Haßlacher von der in Eile errichtetenKanzel die Rede hielt. Alles war zu Thränen gerührt, als er seinen Dank und seinLebewohl aussprach. Gewiß, diese heil, Mission wird für unsere Stadt und tie ganzeUmgehend von den heilsamsten Folgen seyn: denn mit ihr war offenbar der SegendeS Himmels. Das fühlen die Bewohner AschaffenburgS ohne Unterschied des Stan-des, und ich möchte sagen, ohne Unterschied der Konfession: denn auch nicht EinWort hat in allen Vorträgen je den vernünftigen Nichtkatholiken verletzend berührenkönnen. Die Wahrheit, die reine katholische W«hrheit war daS ausschließliche Themaunserer Missionäre, und die Wahrheit dringt überall dnrch, wo die Herzen sich nichtgewaltsam verschließen. Um den ehrwürdigen Vätern den wohlverdienten Dank aus-zusprechen, begab sich deshalb heute eine Deputation der Bürger zu ihnen und über-reichte ihnen im Namen der Bewohner der Stadt einen silbernen Kelch sammt Meß-kännchen, und jedem iin kleines Andenken für sein Kollegium. Mögen die frommenPriester darin und in andern Kundgebungen einen kleinen Beweis unseres Dankeö er-kennen, ihr Andenken aber wird bei uns stets im Segen bleiben!
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