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beschämt zum Obern, und bat denselben, seine rothsammtnen Beinkleider mit den kalb-ledernen des Ordens vertauschen zu dürfen. Hätte der Obere die Ablegung deS Haar-zopfeS und der rothen Beinkleider strenge gefordert, so würden vermuthlich beide Can-divaten zurückgetreten seyn, welche durch kluge Nachgiebigkeit dem Orden erhaltenworden sind!
Bühne und Kirche.
Ueber dieses Thema schreibt (in der A. Z.) Baron Eckstein auS Paris : „Wiein gewissen Zonen der Gesellschaft alles sich in ein Börsengeschäft verkehrt, und welt-crschütternde Begebenheiten wie die höchsten oder tiefsten Erfindungen der Wissenschaftin unternehmenden Köpfen den Anstoß zu einem Actienplan geben, so wird hier inandern Kreisen jede Frage der Staatskunst und der schönen Künste, der Geschichte unddes Sprachstudiums, kurz aller Thätigkeiten des menschlichen Geistes vor den Richter-stuhl der Theologie und auf das Gebiet des kirchlichen Lebens gezogen. Nach diesemGrundsatz und dieser Gewohnheit wurden anch die ethisch-ästhetischen Probleme, dieaus Anlaß der jüngsten dramatischen PieiSvertheilung vor das Forum der öffentlichenMeinung kamen, im „Univers" von einem gewissen Leon Aubineau, einem der geist-vollsten Adjutanten des genialen Veuillot, mit halb pedantischer, halb sarkastischerKrilik vorgenommen und über daS ganze Bühnenwesen, selbst über die trefflichstenWerke, die durch ihren Grundgedanken sowohl, als durch die Entwicklung desselbendie Läuterung und den Aufschwung der Seele bezwecken, absprechend und schonungslosder Stab gebrochen. Ein großer, ja der größere Theil des französischen KleruS ver-dammt das Theater ohne Einschränkung, ohne die Vortheile, die es namentlich derJugend bietet (? ?) , ohne den heilsamen Abbruch, den es durch seine Zugkraft unddie von ihm veranlaßten Ausgaben schädlicheren und schändlicheren Vergnügungenthut, in Anschlag, ohne die nicht immer mißglückten Versuche, die Bühne von Unrathund Lüsternheit zu reinigen, in Rechnung zn bringen, als eine der gefährlichsten Fallen,die der Satan den schwachen Menschen gestellt, uud als einen sichern Weg zur Hölle.Die Jesuiten , die nie in dieses Anathem miteingestimmt, werden daher von vielenstrengeren Geistlichen schief angesehen, und in mehreren, sogar bedeutenden Provinz-städten leidet (?) das Theater unter dem Verruf, mit dem die Seelsorger es belegen.Der Vormann und Leitstern dieser „Meinung" in der Kirche ist der große Bossuet,und ich bin weit entfernt zu verkenneil, mit welch hohem und unbestreitbarem Rechtter „Avler von Meanr" eine fast souveräne Herrschast über das gebildete katholischeFrankreich übt; sein scharfer und tiefer Blick, die Eigenthümlichkeit und Energie seinerSprache, die Entschiedenheit seines Charakters, die majestätische Würde seines Betragens,kurz sein Genius uud seine Persönlichkeit gesellen ihn den großartigsten, merkwürdigstenGestalten der Geschichte zu — er ist Frankreichs Michel Angelo und Dante — undvon den Gläubigen wie Ungläubigen wird er als Geist und Künstler in gleichemMaß bewundert; aber für Niemand ist er die höchste Stelle, und wo die Kirche sichnicht ausgesprochen, da ist sein Wort kein Glaubenssatz. Wenn ich nun sehe, daßüber einen Punct wie die Vereinbarkeit der dramatischen Poesie uud des Theaterbe,suches mit den Lehren uud Pflichten des Christenthums bis jetzt von der wahrhafthöchsten Stelle kein unwiderruflich kauonifcher Entscheid ausgegangen ist, wenn ich imGegentheil sehe, daß hochverehrte Kirchenlehrer der mildern Ansicht beipflichten, sehe,daß in dem Centrum der katholischen Welt, unter den Äugen des Papstes Schauspiel,Oper und Ballet , geduldet, ja beschützt sind, und der bedeutendste Orden der Kircheder härteren Meinung und Zucht in diesem Stücke beizutreten beharrlich verweigert,wenn ich dann das glühend katholische Spanien besuche und seinen heißen Glaubenunter den blumigen Galanterien seiner Komödie nicht erstickt, im Gegentheil gerade zurBlüthezeit seiner Degen- und Mantelstücke am lebendigsten finde, und endlich mich daranerinnere, daß die französischen Bischöfe in den jüngsten Tagen den Künstlern undKünstlerinnen der Bühne eine versöhnliche Hand geboten, so fühl' ich mich einem