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Stillen; als sie, durch ein gegenseitiges Geständniß, erkannt hatten, daß ihr Gefühlgetheilt werde, liebten sie sich noch inniger; und nachdem sie sich vor dem Bild derheiligen Jungfrau ewige Treue geschworen, wuchs ihre Liebe nun noch mehr.
Die zahlreiche Menge, welche diese Feierlichkeit in die alte Domkirche gezogenhatte, rief einstimmig, nie habe ein schöneres Paar an den Stufen deS Altars gestan-den. Die, welche sie näher kannten, rühmten ihre Herzensgüte noch mehr als ihreSchönheit.
Ein Jahr war seit diesem feierlichen Tage verflossen; sie lebten glücklich mit-einander, wenn überhaupt zwei Gatten für sich allein vollkommen glücklich seyn können,uns sie waren noch allein!
Plötzlich ertönt aus dem beredten Munde eines Einsiedlers der Aufruf zumKriege, der von Osten nach Westen durch ganz Europa widerhallt: „Zu den Waffen,Christen, entreißet den Ungläubigen das Grab Christi!" Und die ganze Christenheiterhebt sich und schaart sich um die Fahne des KreuzeS.
Religion und Ehre riefen auch Ademar in die Reihen der Kreuzfahrer; konnte erzögern diesem Rufe zu folgen? Sein Entschluß wirkte sehr schmerzlich auf die arme Ede-linde, denn er war nicht nur die einzige Stütze in ihrer Verlassenheit, sondern auch daseinzige Band, das sie an das Leben fesselte. Sie stellte sich die traurige Einsamkeitund die Qualen der Sorge um das Leben des geliebten Gatten recht lebhaft vor;aber sie hütete sich wohl ihn zurückzuhalten, ihr edles Herz konnte sich nicht an einerniedrigtes Wesen anschließen, für sie war Achtung die nothwendige Grundlageder Liebe.
Die Kreuzfahrer zogen ab; viele Thränen flössen, aber auch viele davon warenbald wieder getrocknet. Ihre Frauen suchten ihren Kummer in Zerstreuung und Lust-barkeiten zu vergessen; nur Edelinde floh die Welt uuv theilte ihre Zeit in der größtenZurückgezogenheil zwischen dem Gebet und der Arbeit. Sie schämte sich des RockenSund der Spindel nicht; jetzt überläßt man die Geräthe den Händen der Dienstboten,während sie ehemals die Frauen der höchsten Stände handhabten; und lobt der heiligeGeist nicht die tapfere Frau wegen ihrer Geschicklichkeit im Spinnen des Flachses ihrerFeleer und der Wolle ihrer Schafe?
Das Gerücht verbreitete sich, die heilige Stadt sey den Muselmännern entrissenund das Grab Jesu Christi wieder erobert. Die Frauen der Kreuzfahrer überließensich den Ausbrüchen einer lärmenden Freude; aber Edelinde verschließt die ihrige stillund bescheiden in dem Innersten ihres Herzens; war dies MangU an Liebe oder wares vielmehr nicht das Uebermaß der Zärtlichkeit? Die Freude gleicht dem flüchtigenDust eines Wohlßeruchs, der sich in einem Gefäß von Krystall rein erhält, in derfreien Luft aber verfliegt.
Schon mehrere Ritter verließen, nachdem sie sich auf dem Schlachtfeld goldeneSporen verdient hatten, das heilige Land und kehrten in die Arme ihrer Frauen zurück.Ademar ist noch nicht heimgekehrt, er kann aber nicht mehr lange ausbleiben, er istgewiß schon unterwegs, vielleicht schon ganz nahe bei Wien ; Edelinde eitt ihm entge-gen und was thut sie bei diesen Wanderungen? Dasselbe, waö sie in ihrer einsamenSiube that, sie spinnt und betet. Ihre Finger sind ganz bei der unternommenenArbeit, ihre Seele ganz bei Gott und ihrem Gatten.
Tage, Wochen und Monate sind verflossen, aber der tapfere Ritterist nochimmer nicht zurückgekehrt. Jeden Morgen tritt die fromme Edelinde den gewohntenWeg an, jeden Abend kehrt sie allein zurück, wie sie ausgegangen war; ihr Herz istbetrübt, aber sie hofft auf Den, welcher gesagt hat: Bittet, und ihr werdet erhalten;klopfet an, und es wird euch aufgethan werden; während ihre Hände arbeiteten, be-harrte sie mit Mund und Herzen im Gebete.
Unterdessen fingen die Bösen, deren es damals so gut gab wie jetzt, denn böseMenschen gibt es zn allen Zeiten, an, ihre Einfalt zu verspotten: „Warum ver-lebst du deine schönsten Jahre in der Einsamkeit und im Kummer?" sagten sie ihr.„Warum nimmst du keinen Theil an unsern Vergnügungen? Wenn dein Gatte noch