Ausgabe 
13 (19.6.1853) 25
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thaten über die Völker ausschüttet, oft in den Herzen einen verzehrenden Durst nachGewinn ansacht und die Geistesthätigkeit der Menschen so lebhast beschäftigt, daßwichtige Gedanken keinen Platz mehr finden, und daß die Stimme der Religion unddes Gewissens kraftlos ist, sich Gehör zu verschaffen.

Diese Unbekümmertheit für das Höchste des Menschen, welche zu der Zeit desPropheten JeremiaS*) die Erde in Trostlosigkeit versetzte, macht in unserm Jahrhun-derte des Geldes und des Wuchers Seelen, welche von Natur aus zu erhabnernGefühlen geneigt waren, welk und unfruchtbar. In Mitte des Wirbels ihrer einträg-lichen Geschäfte ist all ihr Denken nur Denken auf einen Tag, all ihr Trachten nurTrachten aus einige Jahre: nichts für die Ewigkeit, nichts für das Himmelreich:Gedanken, Plane, Arbeiten, Alles ist in den engen Kreis der Gegenwart eingeschlossen.Umsonst wiederholt uns JesuS Christus , daß es nichts nützt, die ganze Welt zu ge-winnen, an seiner Seele aber Schaden zu leiden**), der Industrielle, durch irdischeThätigkeit gefesselt, verkehrt oft die Worte dieses AuSspruchS und endigt damit, sichzu überreden, eS sey unnütz für das Heil seiner Seele zu arbeiten, wenn man seineKapitalien nicht vortheilhast anwendet, nicht neue Straßen dem Verkehre eröffnet,neue Kanäle gräbt und neue Erzeugnisse schafft. Man könnte sagen, er habe dasGeheimniß aufgefunden, die Zeit in Ketten zu legen und sich das Leben maaßlos zuverlängern. Und doch hat sich in der Natur des Menschen nichts verändert! Indiesem Jahrhunderte wie in den spätesten sind seine Tage kurz und selten glückbringend:Dies psuoi et msli***); und nach Verlauf einer kurzen Dauer auf dieser Erde kommenSchmerz und TodeSkampf. f) Der SpeculationSgeist, die Geschicklichkeit der Geschäfts-führung, der gute Erfolg großer Unternehmungen mildern keineswegs das über unsernStammvater und seine Nachkommen verhängte Urtheil. Zeigt dem Speculanten nichtalles ihn Umgebende an, daß seine Existenz mit der Flüchtigkeit des Dampfes verfliegt,und daß der Schatten nicht eiliger entschwindet als sein Erdenleben? Ein Seufzer,der Ton einer Glocke, einige Thränen, ein Wechsel in der Farbe der Kleidung sagenihm zu jeder Minute, wie viel Wichtigkeit man den Glücksplänen, Handelsoperationenund weiten Reisen beilegen solle. Aber so groß ist der Taumel der Habgier, daß derMensch, der in einem ganz irdischen Kreis lebt und nur die materielle Sprache ver-steht, bei der Jagd auf sein vermeintliches Glück gleichsam aus sich selbst heraustrittund, ohne eS zu bemerken, sich gewissermaßen in jenen Stoff umwandelt, mit dem erzu schaffen hat; und die Gedanken, die Gefühle, das Herz, der Verstand scheinenihre geistige Natur zu vertauschen mit der Schwere, der Unempfindlichkeit und Ver-gänglichkeit des Goldes, mit dem man umgeht, des EisenS, das man wägt, und derSteine, die man aushäust.

Versuchet den Geschäftsmann einen Augenblick im Laufe seines Wirkens aufzu-halten: saget ihm, er möge über das Ende nachdenken, zu dem der Mensch geschaffenist, und über die Zukunft, welche näher rückt. Ermahnet ihn, sich selbst zu betrachtenund in die Tiefen seines Gewissens einzugehen, um dessen Zustand zu erkennen.Dringet in ihn, wenigstens einen flüchtigen Blick gegen den Himmel zu werfen, umdie Huldigung des Gebetes und der Dankbarkeit seinem Schöpfer und Vater darzu-bringen. Ueber diese, ihm nicht mehr verständliche Sprache erstaunt, wird er Euchantworten, daß eine Unterbrechung im Gange seiner Wagen oder Schiffe unmöglichsey, und daß man das Feuer des Schmelzofens nicht ausgehen lassen und die Schlägedes Hammers nicht vermindern könne. Werdet Ihr ihm von jenem Tage sprechen, dender Herr sich vorbehalten, um von jedem vernünftigen Geschöpfe die schuldige Anbetungzu empfangen und den er auch dem Menschen vorbehielt, aus daß dieser sich mit ernstenGedanken und dem wahren Vaterlande beschäftige? Der Speculant wird Euch die

") Jer. XII. lt.-) Matth. XVI, 26.») keii. XXVII. 9.f) Pf. I.XXXIX, ty.