Ausgabe 
13 (19.6.1853) 25
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nichts gegessen, denn sie hatte nicht genug verdienen können, und der Säugling hatvergebens an der Brust der fast verschmachtenden Mutter die gewohnte Nahrung ge-sucht. Jetzt hält ihr Arm den Knaben umschlungen.

Zu Füßen dieses Bettes hat sich ihr Mann, erschöpft von dem harten Tagwerk,auf den harten Fußboden niedergeworfen, ohne seine dürftige Kleidung abgelegt zuhaben. Auch er hatte sogut wie nichts gegessen, und ist endlich vor Hunger undMüdigkeit eingeschlafen. Er träumt und in seinem Traume flüstert ihm die Verzweiflungfürchterliche Gedanken in's Ohr.

Er wandert aus finsterem schmalen Pfade durch den dichten Wald. Da kamihm ein schmuckeS Herrchen entgegen, in Sammt und Seide gekleidet; die goldeneKette mit dem Uhrgehänge von blitzenden Edelsteinen spielt auf der Brust, die Taschestrotzt von Goldstücken, in dcnen die Hand klimpernd wühlt; die andere Hand fächeltdie erhitzte Wange mit dem zarten Handschuh. Waffen trägt er nicht, nicht einmalein Spazierstöckchen.

In dieser schimmernden Gestalt erkennt der ausgehungerte Taglöhner schnell einenjener jungen Verschwender, deren Jugendjahre unter sündhaften Ausschweifungen dahinschwinden, und in dem von Hunger und Kummer zerrütteten Gehirn des Unglück-lichen werfen sich alsbald die Fragen auf:Wozu auch lebt dieser Mensch aus Erden?würde wohl eines anderen Menschen Glück zerstört, auch nur getrübt werden, wenndieser, da plötzlich auö der Welt verschwände? und das Gold, mit welchem er soschmähliches Spiel treibt, so schändlichen Lüsten stöhnt, würde eS nicht mehr alshinreichend seyn, einer im Elend verkümmerten Familie Wohlstand und Glück wiederzu schenken?"

Bei diesen srevelhaften Gedanken umklammert seine Faust den Knotenstock krampf-haft, und er geht mit flammenden Blicken auf den jungen Wüstling loö.

In derselben Minute dringt auch in den bangen Schlaf der armen Mutter einTraum. Sie sieht eine reich, aber nicht glänzend gekleidete Frau; mit freundlichenBlicken, mit wohlwollendem Lächeln steht sie vor dem armseligen Lager und ihre Handzeigt aus den Tisch, auf welchem im sanften Schimmer eines überirdischen Lichtes allesdas liegt, was der unglücklichen Familie mangelt: warme Kleider, Wintervorräthe anLebensmitteln, auch ein Schlückchen Wein, um zuweilen das Herz des muthlos wer-denden Gatten zu erfreuen; aber auch Bücher, welche heiligen Rath und frommenTrost enthalten für die langen Abende; Obst und Spielwerk für das Kind. DieMutter ist geblendet durch diesen Ueberfluß, in der Betäubung vermag sie nicht zufassen, daß alles das ihr gehören soll; aber im Gefühl der höchsten Wonne drückt ihrumschlingender Arm den Säugling sester an das klopfende Herz.

Welcher von diesen Träumen wird in Erfüllung gehen?

Gehe hin und frage die Wohlthätigkeit, ob sie schläft oder wacht I

Sie ist'S, welche hier die entscheidende Stimme hat. Schläft sie, so ist schwerlichein anderer Wächter da, welcher dem Verbrechen mit all seinem schrecklichen Gefolgeden Eintritt in die armselige Dachkammer wehrt. Wacht sie und ist thätig, so wirdsie die Dankbarkeit hereinführen und alle die sanften erhebenden Tugenden, welchedieselbe begleiten.

Eilet herbei, ihr wohlthätigen Armenbesucher, zögert nicht! Im Namen desewigen HeileS der unglücklichen Familie rufe ich euch aus. Nur die Hülfe, die ihrbringet, vermag die Darbenden zu trösten, nur dieser Trost vermag die Verzweifelndenzu besänftigen.

Aber ihr müsset wachsam bleiben und thätig, Tag und Nacht, denn am Tagedrängt der Hunger die Gotteslästerung und den Fluch aus die Lippen des Elenden,in der Finsterniß der Nacht spiegelt das Elend der träumenden Seele des VerzweifelndendäS Verbrechen vor.

Die Träume, die unS im Schlummer heimsuchen, find nicht ohne Bedeutung,sie können uns zur Belehrung dienen für die Wege unseres Lebens. Wir sollten unsnicht so sehr beeilen, sie beim Erwachen aus dem Gedächtnisse zu verwischen, als wären