Ausgabe 
13 (26.6.1853) 26
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201
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Dreizehnter Jahrgang.

Sonntags-Beiblatt

zur

Augsburger Pojtzeitung.

26. Juni. 2V. 1853.

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Die Religion muß der industriellen Thätigkeit die rechte Richtung

und Weihe geben.

Hirtenbrief deS Cardinal-ErzbischofS von Lyonzur Fastenzeit 1853.

(Fortsetzung.)

Um die Schilderung, welche die heiligen Bücher unS von der Habsucht liefern,in ihrer Wahrheit zu erkennen, braucht man nicht die Geschichte der alten Zeiten zudurchforschen. Der heilige Paulus richtete sich an die Christen jedes Zeitalters, aberoftmals scheint er die Laster und das Unheil des unseligen zu beschreiben. Hat nichtunser Jahrhundert den Strom von Uebeln, welche der Sucht zu besitzen und sich zubereichern, entquillen, vor Augen gehabt? Und hatte man nicht manchmal zu bedauern,daß in Mitte des Großen, das die Industrie in unserer Epoche hervorbrachte, der vonihr verbreitete Glanz durch das Nichtvorhandenseyn einer christlichen Richtung ver-dunkelt ward.

Sagt, geliebte Brüder, ob die Habgier in den Herzen nicht einen Neid ent-keimen läßt, der sie verzehrt. In verschiedenen Zweigen der Industrie begründet sichein solch thätiger, glühender, unermüdlicher Wetteifer, daß es kein Opfer gibt, dasman sich nicht auferlegt, keine Unternehmung, die man nicht versucht, keine Verläum-dung, die man nicht verbreitet, keinen verzweifelten Entschluß, den man nicht saßt,um jede Rivalität zu bekämpfen. Man könnte in diesem hartnäckigen Kampfe dieZukunft seiner Familie gefährden, sich auS dem Ueberflusse inS Elend stürzen, ja, beidiesem gefährlichen Spiele mehr noch als das Vermögen einbüßen, seine Ehre undden durch die Vorsahren gerechterweise erworbenen Ruf von Rechtschaffenheit: dochdiese Sorge, diese Gefahren vermögen nicht, einen Augenblick die unvernünftigen Be-mühungen zu mindern, denen man sich hingibt, um ein HauS zu demüthigen oderüber einen Rivalen zu triumphiren; es scheint, daß man alle seine Wünsche, seineganze Thaikrast und Geistesfähigkeit auf den Verfall eines gefürchteten Milbewerbersbeschränkt. Und sollte man dadurch den Haufen von unklugen Gewinnsüchtigen, welchetÄglich den tollen Unternehmungen unterliegen, vergrößern, sollte man sein ganzes Lebendurch nur IhränenbenetzteS Brod essen, wenn eS nur gelingt, diesen beneideten mäch-tigen Nebenbuhler in seinen Ruin zu ziehen, so wird man den Sieg nicht zu theuererkaust glauben. Der Neiv ist zufrieden gestellt!

Aber noch müssen Wir Euch zn'gen, geliebteste Brüder, wohin die zügellose Liebezum Irdischen führt, wenn man Gottes Gesetz und deS Gewissens Ruf für nichtsachtet. Eine erprobte Biederkeit im Geschäftsverkehre, gewissenhaste Treue in HaltungdeS gegebenen Wortes, darin bestand einstens ein Reichthum der Industrie, den dieFamilien unter die Obhut der Religion stellten und den sie getreulich von Geschlechtzu Geschlecht fortpflanzten. Unbegrenztes Vertrauen war die Belohnung für diese strenge