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Redlichkeit, und im Schatten dieser antiken Tugenden, dem Ruhm deS Handels, er-hoben sich mächtige Häuser, demüthig an ihrer Wiege, mäßig in ihrem Fortgange,aber stets umsichtig im Handeln, immer bescheiden in ihren Ausgaben und bei ihremfortschreitenden Gange selten durch die Unglücksfälle ausgehalten, welche meistens dieStrafe für Unvorsichtigkeit und Prahlerei sind.
Heutzutage will die in ihrem Laufe kühner gewordene Industrie in kurzer Zeiteine lange Bahn zurücklegen und sich durch die Arbeit einiger Tage die Genüsse deSUeberflusseS und deS LuruS verschaffen, mit denen sich unsere Väter erst nach jahre-langer mühevoller Arbeit umgeben konnten. Doch von der Habsucht verzehret, ist manüber jede Verzögerung ungeduldig und will, um das Gebäude deS Glückes aufzubauen,nur so viel Zeit verwenden, als man einst zu dessen Grundlegung gebrauchte. Sichwenig Plagen, viel und schnell zusammenhäufen, eilends genießen, die kurze Lcbensspanneim möglichstem Wohlbehagen durchwandern: das ist der Lebensplan, den man sichzeichnet. Wird solch ein Verhalten neue Begeisterung für die Industrie einflößen?Wird eS dem Hause, dem man als Leiter vorsteht, zur Ehre gereichen? Wird eSdie Zukunft der Kinder, die man hinterläßt, sichern? Die Erfahrung möge antworten.Doch das wissen Wir, daß, da die Religion bei solchen Berechnungen sür nichts giltund solchem Treiben fremd bleibt, eS leicht zu errathen ist, waö die Habsucht nochhervorbringen wird.
Das gewaltige Bedürfniß des LuruS, des Wohlstands, der vielfältigsten Genüsse,daS man in unsern Tagen mit dem ersten Schrille in die ehrenhafte Laufbahn deSKaufmannSstandes zu fühlen beginnt, dieses Bedürfniß, gcliebteste Brüder, wäre sehrschwer zu befriedigen, wenn man die Vorschriften der Ehrlichkeit gewissenhaft beob-achten möchte. Doch diesc wird man bald bei Seite legen, als veraltete und lästigeUeberlieferungen eines Zeitalters, das nicht das des Fortschritts war und dessen Sittenvon tyrannischer und abergläubischer Furcht gegängelt waren. Die Erzeugnisse, vondenen die Plätze überfüllt werden, sind von tadellosem Ansehen; das Auge wiro davonbezaubert, der heikelste Geschmack entzückt, doch die Hintergangenen Käufer werden indiesen theuer an sich gebrachten Arbeiten bald die Spuren von Eilfertigkeit und Ge-wissenlosigkeit, die Unterschiebung eines Stoffes sür einen andern entdecken, und darinliegt kein anderes Verdienst, als daß die Menschen den Kunstgriff lernen, wie manden Betrug am geschicktesten verhehle. Mit Hülfe dieser List, im Dienste der Leiden-schaft für irdische Güter, hoffen geldgierige Verkäufer in wenig Tagen das elterlicheVermögen, das sie ererbt, zu vergrößern. Sie nehmen sich nicht die Zeit, das Geschickabzuwarten und sagen gleich den Unvernünftigen, von denen die heilige Schrill spricht:Essen und trinken wir heute, denn morgen werden wir sterben. 5)
Doch das sind noch zu wenige der Unfuge einer Strasfälligkeit. Für die vonder Gewinnsucht bethörten Seelen gibt es keine Gränze, die unüberschreitbar wäreund wäre sie auch noch so heilig. Um dem vorgesteckten Ziele schneller entgegen zukommen und sich mit allen Vortheilen deS Reichthums eher überhäuft zusehen, weichtman vor keinem Mittel und wäre eS auch das schnödeste. Dem Rufe seines eigenenGewissens wie desjenigen der Oeffentlichkeil verschließt man die Ohren, das Ehr-gefühltritt man mit Füßen, und über die allgemeine Verdammung setzt man sich hinweg.
Die Industrie wird endlich nur mehr die Kunst, seinen Nächsten geschickterweisezu hintergehen, der Handel nur mehr eine Reihenfolge von Betrügereien, wovon dkeine sinnreicher auSgedacht ist als die andere. Man wird alle Stoffe verfälschen.Man wird der Wissenschaft ihre Geheimnisse abstehlen und nur mehr Nachgemachtesseilbieten, anstatt der zur Nahrung, Heilung und selbst zum Leben des Menschenunerläßlichen Naturerzeugnisse. Es wird nichtsMahres, nichts Echtes, nichts Ge-sundes mehr in den Waaren seyn, die man in Umlauf setzt. Diesc sträfliche Entar-tung wird damit enden, daß der Gesundheitszustand untergraben wird; vorzeitigeGebrechen, ein allzusrühes Alter, bis jetzt unbekannte Uebel, werden keine andere Ursache
') Cor. XV, 32.