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Groß, besprach sich hierüber mit dem allgemein geachteten Bruder des L. >V^, wasin dieser Sache sich thun ließe. Letzterer äußerte sich, er habe mehrmals aus demMunde seines Bruders gehört: „Dem Hohenlohe bin ich gut und könnte zu ihm alsMenschen Vertrauen haben!" — Vielleicht würde Hohenlohe durch einen Besuchetwas ausrichten. Mein verehrter Generalvicar machte mir darüber eine vertraulicheMittheilung, und ich unterzog mich mit Freuden einem Geschäfte, von dem ich mitGctteS Beistand eines gute» Erfolges mich gewärtigtc. Doch ach, gar sehr fand ichmich getäuscht, wie der weitere Verlauf der Geschichte es beweisen wird.
Ich besuchte also äußerte ihm meine herzliche Theilnahme, sprach mancherleiüber seine kränkelnden Umstände, und dabei blieb eS bei diesem ersten Besuche, woer bei dem Abschiede mir den Wunsch eröffnete, eS würve ihn freuen, wenn ich ihmein Stündchen schenken möchte, wo wir vertraulich plaudern könnten. Ich verspracheS ihm und ging. Da ich bei seinem würdigen Arzte mich erkundigte, wie lange dieKrankheil wohl noch daueru könne, bekam ich die Antwort, daß sie längstens nochsechs Wochen sich hinaus ziehen könnte, was zu dem Plane stimmte, den ich mirentworfen hatte und mir daher willkommen war.
Nachdem ich ihn bereits zum drittenmale besucht hatte, und ihn gerade schwachund schlecht fand, äußerte er sich, auf seine zwei Pistolen über dem Bette hknblickend:Wenn das Ding noch lange fortgeht, werde ich der Sache ein schnelles Ende machen!
Nicht doch, lieber VV^, sprach ich, das kann nicht Ihre ernste Willensmeinungseyn; ich halte Sie für zu edel, als daß Sie einer solchen Schwäche je fähig seynkönnten. Ausharren im Unglücke ist groß, edel, und lohnt sich hier und dort! Nurschwache Seelen können Zu einem solchen Mittel ihre Zuflucht nehmen, was entwederGeistesschwäche oder HerzcnSverhärtung beweist; keines von beiden liegt, wie ich hoffe,in dem Charakter meines lieben ^Vk Warum denn nicht zur Religion seine Zufluchtnehmen, die eine so milde, eine so liebreiche Trösterin in allen Lagen und Leiden desLebens ist? Freund! erwiederte er — das ist für mich zn spät! Als ich noch einKnabe war, da wurde der Katechismus mir mit Schlägen eingebläut, in späternJahren vergaß ich das Erlernte allzuleicht; und im Gewühle des Lebens mochte undwollte ich der Religion nicht gedenken. — Glauben Sie mir, antwortete ich hierauf,je mehr Sie sich von ihr entfcrnm, um so näher will sie sich an Ihr trostbcdürftigeSHerz legen; denn ich kenne Einen, der das liebreiche Wort nicht minder von Ihnenals von uns Allen sprach: „Ich bin gekommen zu suchen was verloren warl" —Lieber Fürst! sagte er, ich danke Ihnen für Ihr Wohlmeinen, doch lassen wir das, —eS ist zu spät. Ist'S etwas, so steht'S nicht gut mit mir; ist'S nichts, warum mirGrillen in den Kopf setzen? — Somit schloß sich für dießmal unsere Unterredung,ich schied bekümmerten Herzens von ihm.
Nach acht Tagen trat ich wieder zu seinem Krankenbette nnd fand ihn munterund weit aufgeheiterter als je. Er erzählte mir mit vielem Witze alle seine LiebeS>intrignen, die ich geduldig anhörte, und entwarf Pläne für die Zukunft.
Hierauf »ahm ich das Wort und sprach mit Würde und liebevollem Ernste:Sie haben nuu, lieber >V5, dem Manne, dem Sie Ihr Vertrauen bewiesen, alleIhre Schwächen und Gebrechen cutdeckt; wäre eS nicht gut, wenn Sie das Nämlicheoffen und mit Vertrauen dem Priester bekennen möchten, der Nachsicht mit Menschen-gebrechen hat, und kein Süudenzähler, wohl aber, nach seines Meisters Willen, e'nSündenvergeber im Namen GotteS sür Sie werden möchte? Versuchen Sie es nur,sich in Jesu liebende Arme zu werfen; er nimmt Sie gewiß mit Huld und Gnadeail, denn sein Blut floß ja so gut für Sie, wie für uns Alle — :c.
Doch Alles war fruchtlos. Mich macht das unruhig! erwiederte er, lassen Siemich iu meiner gewohnten Art und Weise zu denken. Freund, sprach ich, gerade dießist meine Absicht, Sie unrnhig zu machen, damit nach solcher Unruhe wahre Ruhein Ihre. Seele einkehre, die Sie mit Gott aussöhne und Eins mit sich selbst mache.Ich werde ^herzlich für Sie beten, damit Gott Ihnen diese Gnade verleihe. — Siesind ein guter Mensch, sprach er; ich danke Ihnen, fürchte aber, daß eS sür mich zu