Dreizehnter Jahrgang.
Sonntags-Beiblatt
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Augsburger PostZeitung.
24. Juli.
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1853
Dieses «latt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährig« Abouuemeutsvrel«
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Der Pilger durch Tirol.*)
Die Wallfahrten gehören zu den schönsten und sinnigsten Aeußerungen deS katho-lischen Lebens. Wie in den Processionen überhaupt, so tritt auch in ihnen, um mitdem Protestanten Kinkel zu reden, „das innige Verwachsen deS katholischen Glaubens,die religiöse Weihe, die dieser heitere Cultus auch der Freude verleiht, rührend undspürbar hervor**)." Weise verlegte die heilige Kirche alle das Gemülh zu heiligemErnst und zu strenger Buße stimmenden Feste in den Winter, in die ernsten Mauernder Kirchen; naht dagegen der Frühling, dann führt sie die Ihrigen heraus in dieneuerwachende Natur, damit sie in ihr und erhoben durch sie, die selbst ein ewigerLobgesang Gottes, den Herrn mit fröhlichem Herzen preisen. So fallen denn mitden andern Processionen auch die Wallfahnen alle in die schönere Zeit deS JahreS,und es gibt wohl nur wenige kalte Herzen, die dann unbewegt die Fahnen durch daSLaub der Bäume wehen, die langen Reihen der Beter dahinschreiten sehen, die sühlloSund unerhoben den Gebeten und Lobgcsängen horchen können, welche der fromme Zugden Berg hinansteigend unter dem Geläute der Glocken ertönen läßt.
Wie leer sind doch die zahlreichen Vorurthcile gegen daS Wallfahrten. Gegensein Alter läßt sich nichts einwenden, die ersten Jahrhunderte thaten es bereits, warumdenn nicht auch wir? Da klammert man sich denn ängstlich an die beliebten „Miß-brauche." Daß deren vorgekommen sind und noch vorkommen, geben wir zu, aberauch daS Heiligste ist schon mißbraucht worden, und wenn wir Alles über Bordwerfen sollten, was diese Erfahrung schon gemacht hat, dann ständen wir geistig undleidlich nackt da. Wer die Wallfahrten zum Deckmantel eines auSschweisenden Lebensmißbraucht, der wird wohl einen andern Deckmantel finden, wenn man ihm diesenhinwegnimmt, sagt Chorherr Geiger, und Sailer ermahnt mit Recht, neben dem Schäd-lichen, welches dieser oder jener Wallfahrt etwa zufällig beigemischt sey, auch daSGute anzuerkennen, welches der Uebung zu Grunde liege. „Gott wirkt überall, woer ein offenes Herz findet und fragt keinen Professor (oder Minister) ob (oder wo)Er das Herz erleuchten, entzünden, heiligen, beseligen dürfe." Könnte einer der heim-kehrenden Wallfahrer in die Herzen schauen, er würde manches ganz anders erblicken,als es hinhing zu dem Gnadenort. Da trat mancher den Weg lau an, und ihnergriff schon das gemeinsame Beten und Singen, die fromme Luft, die über dem Zugschwebte, den Christi Bild anführte, zog auch durch die Lungen seiner Seele und siewurden gesund. Da blieb mancher auf dem Wege noch ungerührt, und ihn traf derAnblick der gefüllten Kirche, der tausend Frommen, die inniger als er zu beten ver-standen, und er folgte ihnen mit ganz anderm Herzen zum Beichtstuhl, als das war,