Ausgabe 
13 (24.7.1853) 30
Seite
236
URN (Seite)
  
 
Einzelbild herunterladen

236

find und die Hoffnung lebendiger sich regen darf, daß eine lebensvollere, durch unddurch katholische Zeit für unser Volk nicht fern mehr ist. (Mainz . S.-Bl.)

Leben des ehrwürdigen Johannes Grande .

I.

Erster Beruf zum vollkommenen Leben.

In der Nähe des Städtchens Marcena, das nur eine kleine Tagreise weit vondem berühmten Sevilla entfernt ist, lag an der Stelle, wo jetzt die Söhne des heil.FranziSknS ein Kloster besitzen, einstens eine stille Einsiedelei, nach der heil. Eulaliabenannt. Dort erschien in der zweiten Halste deS sechszehnten Jahrhunderts ein Ere-mit, der für die Bewohner der Umgegend bald ein Gegenstand frommer Aufmerksamkeitward. Er ging mit entblößtem Haupte und unbeschuht einher, seinen Leib bedeckteein Kleid von grober Wolle. Selten erhob er den Blick, und eS ruhte auf seinemAngesichte zugleich mit milder Freundlich teil ein Ernst, der mit seiner Jugend inWiderspruch zu stehen schien. Denn Johannes Grande so hieß dieser Ein-siedler mochte damals kaum sein zwanzigstes Lebensjahr zurückgelegt haben.

Er war in Carmona, einer Stadt in Andalusien, am 6. März 1546 geboren,und halte schon in frühester Kindheit durch eine seltene Unschuld und Frömmigkeitgroße Erwartungen erregt. Aber noch war an ihn der Ruf deS Herrn zu seiner voll-kommenen Nachfolge nicht ergangen. Etwa fünfzehn Jahre alt zog er mit seinerMutter nach Sevilla , und widmete sich dort, ihrem Wunsche gemäß, dem Kaufmanns-stande. Seinen Vater hatte er um eben diese Zeit verloren. Nachdem er vier Jahrein einem Handlungshause jener Stadt zugebracht, und sich durch Fleiß und Rechtlich-keit, wie durch ein sittsames Betragen und Frömmigkeit Liebe und Achtung erworbenhalte, kehrte er in seine Vaterstadt zurück, um daselbst ein eigenes Geschäft zu beginnen.Aber immer lauter redete die Stimme Got'eS zu seinem Herzen und flößte ihm immerstärkere Begierden ein, von allen Sorgen und Gefahren deS irdischen Lebens entferntfür die Ewigkeit allein zu leben. Ein mächtiger Drang zum Gebete weckte ihn oft-malS vom Schlafe, und er schien, da er erwachte, eine Stimme zu vernehmen,die ihm vorwarf, daß er, wie die Jünger im Oclgarlen, während JesuS betete undbluligen Schweiß vergoß, der Ruhe pflege. Der Jüngling erkannte, daß er von Gottzu einem ihm allein gewidmeten Leben berufen werde; aber er wußte nicht, aufweicheWeise er einem solchen Rufe folgen könne. Nach vielem und inbrünstigem Gebeteerhielt er durch ein Traumgesicht den gewünschten Aufschluß: GotteS Wille sey, daßer, auf irdischen Erwerb verzichtend, nach Christi und der Apostel Beispiel in äußersterArmuth ihm diene. Wohl war der fromme Johannes sogleich entschlossen, dem Rufedes Himmels zu folgen, aber eS gelang ihm nicht ohne viele und große Kämpfedie Bande, die ihn fest hielten, zu zerreißen. Um so inniger dankte er Gott, als ersich endlich befreit sah, und nachdem er sein kaum begonnenes Geschäft eingestellt, alleseine Habe aber Anderen überlassen hatte, als armer und doch so reicher Pilger in dieEinsamkeit, wo er Gott und in ihm AlleS suchte, wandern konnte.

Johannes hatte seine Jugend in der größten Sittcnreinheit zugebracht. Nochein kleines Kind war er mit besonderer Andacht der reinsten Mutter des Herrn ergeben,und brachte oft ganze Stunden vor ihrem Bilde oder Altare im Gebete zu. Wie eraber heranwuchs, lag er dieser Andacht auch deßhalb mit großem Eifer ob, weil erhoffte, daß eS ihm durch die Fürsprache und den Schutz Maria'S gegeben werdenwürde, die jungfräuliche Reinheit seiner Seele und seines Leides unversehrt zu bewah-ren; und war in der nämlichen Absicht, daß er den heil. Johannes und die heil.Jungfrau Agnes mit zarter Frömmigkeit verehrte. Sein standhaftes und von so heiligenWünschen begleitetes Gebet fand vollkommene Erhörung: seine Sitten blieben durchausunbefleckt. Aber auch vor jeder andern Sünde hatte er einen so großen Abscheu, daßdie Furcht, sich in seinem Geschäfte durch Mangel an Wahrhaftigkeit und strenger