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Redlichkeit zu verfehlen, auf den Entschluß, dasselbe aufzugeben, großen Einfluß hatte.Nichtsdestoweniger war er in seinen Augen ein großer Sünder, und um sich dessenstets zu erinnern, veränderte er bei seinem Austritt aus der Welt seinen Namen.Denn er wollte nicht mehr Johannes Grande , d. h. der Große, sondern JohannesPeccadore, d. h. der Sünder, heißen, und wirklich ist ihm dieser Name währendseines ganzen übrigen Lebens geblieben. — Indeß bestand seine Demuth nicht in demSchalle dieses Wortes, noch in irgend einer bloß äußerlichen Uebung: sie durchdrangseine ganze Seele. Er hielt sich nicht für würdig, sein Auge zu Gott aufzuschlagen,noch auch vor den Menschen, die ihm alle besser als er vorkamen, zu erscheinen.Er betrachtete nämlich die Fehler, die er, besonders auS Menschensurcht, mochte be-gangen haben, in dem Lichte, daS ihm nun so reichlich zufloß, und ermaß die Größederselben nicht nach dem Urtheile und den Gewohnheiten der Menschen, noch auch nachder Leichtigkeit, womit man in dieselben zu fallen pflegt, sondern nach der GrößeGotteS , gegen dessen heiligen Willen sie begangen werden; und verdemüthigte sich auchwegen jener Sünden, in die er würde gefallen setzn, wenn Gott ihm nicht mit vielerund unverdienter Gnade zuvorgekommen wäre. Er begann also in seiner Einsiedeleiein wahres Büßerleben. Nicht nur wann er dem Gebete oblag, sondern auch beivielen anderen Gelegenheiten entquollen seinen Augen reichliche Thränen, die der bittereReueschmerz hervorgerufen hatte. Er trug unter seinem groben Kleide niemals Leine-wand, wohl aber schmerzhafte Bußgürtel; schlief auf nackter Erde oder auf Brettern,und zwei bis drei Stunden vor Sonnenaufgang erhob er sich schon zum Gebete, obschoner nicht selten dasselbe auch die ganze Nacht hindurch fortsetzte. Nicht bloß die Fasten,sondern auch die Adventzeit und vom Feste des heil. Michael bis zu Allerheiligen nahmer nur dreimal die Woche wenige und ärmliche Speise zu sich , und er würde in diesen undvielen andern Bußübungen, von denen wir nicht reden, noch weiter gegangen seyn,wenn sein Gewissenöführer nicht seinen frommen Eiser gemäßigt hätte. Obgleich erin seinem spätern Leben, wie wir sehen werden, mitten unter den Menschen mit vielenGeschäften und Arbeiten beladen war, so setzte er doch das strenge Bußleben, das erin seiner Einsiedelei' begonnen hatte, bis zum Tode fort.
Aber ohne Kampf konnte der junge Eremit in dieser neuen Lebensweise nichtauSdauern. Außer der Schwierigkeit, welche die menschliche Natur einer so hartenBehandlung des Leibes immer entgegensetzt, war Johannes durch die Vorstellung,daß er von den Menschen verspottet und verachtet werde, gequält. — Seiue Einsie«delei war, wie gesagt, nicht weit von. der kleinen Stadt Marccna gelegen; so oft eralso in dieselbe ging, sey eS um die heil. Sacramente zu empfangen und dem Gottes-dienste beizuwohnen, sey eS auch um daS kärgliche Almosen', womit er sein Lebenfristete, zu begehren, nnd so oft die Bewohner der Umgegend zu seiner Einsiedeleigelangten, kam es ihm vor, daß aller Augen auf ihn mit Verwunderung gerichtetseyen, und eS war ihm eine große Pein, von den Menschen für einen Schwärmer,Frömmler oder auch für einen Heuchler gehalten zu werden. Es war ein harterKamps, aber vielleicht war er weniger gefährlich als jener, in dem so manche erlie-gen, indem sie dem eitlen Verlangen, durch außerordentliche Uebungen der Frömmigkeitsich vor den Menschen auszuzeichnen, nachgeben, und so der geistlichen Hoffart anheimfallen. Johannes bekämpfte seine falsche Scham mit großem Eifer und flehte mitheißen Thränen zu Gott, ihm beizustehen, daß er ihn vor den Menschen mit Freimuthbekenne, und eS nicht scheue, dessentwegen verachtet zu werden, der auS Liebe zu unSdem ganzen Volke zum Spott und Hohn geworden. Er obsiegte, aber erst nach langerAnstrengung.
(Fortsetzung folgt.)
Nur ein Traum
Ein Geistlicher kam eines Tages in daS HauS einer vornehmen besreundetenFamilie. Da fand er die Tochter des HauseS, ein blühendes, lebenslustiges Mädchen