Ausgabe 
13 (7.8.1853) 32
Seite
249
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Vr-yehnter Jahrgang.

Sonntags-Beiblatt

zur

Augsburger PoAzeitung.

7. August. SS. 1853.

Diese« «latt erscheint regelmäßig alle Tonntage. Der halbjährige Abvouemcntsvrei«kr., wofür e« durch all« köuial. baver. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kau».

Die HeiltgthumSfahrt nach Aachen. *)

Wer aus dem Innern von Deutschland nach Aachen kommt, glaubt die Gränzebereits überschritten zu haben; er befindet sich unter einer sehr beweglichen, aufgeweckten,lustigen Bevölkerung, in welcher der alte fränkische Charakter sich erhalten zu habenscheint, deren Mundart zwar die deutsche, aber von dem Fremden um so schwererverstanden wird, da der eigentliche Laut der Wörter in dem singenden Ton, in welchemman sie spricht, nur von dem geübten Ohr leicht herausgehört wird. Kehrt manHinzegen aus Frankreich und Belgien nach Deutschland zurück, so wird man umge-kehrt, ehe man noch nach Aachen kommt, durch die Hügel, Gründe und hellen Bächeschon daran erinnert, daß man sich in Deutschland befindet, und Kalo fühlt man sichvon der mannigfaltigen Schönheit der umgebenden Natur, von dem Reiz der Hügel,von dem Schmelz der Wiesengründe und dem frischen Hauch der Waldparn'en, vonden kleinen Seen und den heißen und warmen Quellen zur Erinnerung an die Vor-zeit abgelenkt. '

Hier in diesem frischen Wald- und Wiesengrund und in der Nähe der nun welt-berühmten Heilquellen, deren Wirkungen bis dahin nur wenig bekannt gewesen zuseyn scheinen, war eS, wo Carl der Große sich den Platz zu seiner Lieblingsresidenzauswählte und ein zweites Rom als Mittelpunkt seines großen Reiches gründete,während daS alte Rom größerm Versall entgegenging. Die Prachtbauten des allenRomS: Forum, Theater, Wasserleitungen und Thermen wurden mit ausgesuchterPracht ausgeführt, in ihrer Mitte erhob sich der kaiserlich« Palast, und dicht daranstoßend die große Reichscapelle, welche der heiligen Jungfrau gewidmet war, uno alsderen Erbauer der Abt AasagiS von St. Vandrille genannt wird. Alle diese Bautensind verschwunden, so daß eS schwer wird, nur noch irgend eine Spur davon zuentdecken. Nur die Reichöcapelle, das jetzige Münster, hat sich erhalten, und dietausend Jahre, die an demselben mit all den Stürmen, welche die Länder, über dieCarl der Große geherrscht hat, erschüttert und aufgewühlt haben, sind, einzelne An-bauten abgerechnet, so spurlos an demselben vorübergegangen, daß wenn der Baustyluns nicht widersprechen würde man glauben könnte, man stehe in einem Dom,dessen Bau den jüngern Zeilen angehöre.

Carl der Große bemühte sich, dem neuen Bau alle Pracht zu verleihen, die inseiner Zeit möglich war; nicht bloß die alten römischen Denkmale am Rhein mußtendas Baumaterial Säulen und Marmor zu demselben hergeben, selbst von Ra-venna und Rom wurden antike Marmorsäulen zum Bau dieses christlichen Denkmalsherbeigeführt. Diese Säulen wurden durch die französischen Eroberer nach der Haupt-stadt Frankreichs abgeholt; nach der Befreiung Deutschlands kehrten die meisten vonParis nach Deutschland zurück, die schönsten aber und werthvollsten sind zurückgeblieben.

*) Allg. Z.