25tt
Im Jahr 804 wurde die Kirche eingeweiht. Die Feier mochte zu den imposan-testen gehören, die man in dieser Art bis dahin diesseits der Alpen gesehen hatte.Die Einweihungsceremonie wurde von dem P.^pst Leo vollzogen, der von einer großenAnzahl Würdenträger der römischen Kirche begleitet war; nicht weniger als 365 Erz-bischöse und Bischöfe und eine sehr große Anzahl von Herzogen, Fürsten, Grafen und Baronen aus allen Theilen deS unermeßlichen Kaiserreichs erhöhten durch ihreAnwesenheit die Feier. Aber aller Schmuck, den die Architektur, die Plastik undMalerei gewährten, reichte nicht; es mußten noch Schätze anvcrer Art dazu komme»,um dem neuen Dom einen höheren Werth zu verleihen: es waren viescs Reliquien,deren Werth die Zeit nicht hoch genug schätzen konnte. Man kennt die Beziehungen,in welchen Carl nicht bloß zu dem Papst in Rom, sondern auch zudem byzantinischenHof und selbst zu dem persischen König stand. Im Jahre 794 schickte der Papst Ab-gesandte an den Kaiser nach Aachen , welche ihm die Schlüssel zum Grab des heiligenPetrus nebst der römischen Stadtfahne überbrachten; im Jahr 798 sah Aachen dieGesandten der Kaiserin Irene und des Königs Alphons; sie brachten dem KaiserGeschenke von der Beute, die man bei der Eroberung Lissabons den Mauren abge-nommen hatte; im Jahr 800 übersandte Zacharias, der Patriarch von Jerusalem,Carl die Schlüssel zum heiligen Grab und zum Calvarienbcrg; im Jahr 802 traf eineGesandtschaft des Königs von Persien, Harun al Raschioö, in Aachen ein, welchedem Kaiser reiche Geschenke überbrachte. Bei dem großen Werth, den der Kaiser aufden Besitz vou Reliquien legte, bei dem Ansehen, welches er allen diesen Fürsten gegenüber genoß, konnte cö ihm nicht schwer werden, in den Besitz der geschätztestenHeiligthümer zu gelangen. Der genannte Kalif Hanm al Raschid und der Patriarchvon Jerusalem sind eS namentlich, von denen man nicht ohne Grund glaubt, daß durchihre Vermittlung ver Kaiser in den Besitz der sogenannten großen Heiligthümer gelangtsey, welche seit undenklicher Zeit von sieben zu sieben Jahren dem Volk zur Vereh-rung öffentlich und unter großen Feierlichkeiten ausgestellt werden. Zu diesen großenHciligthümern werden folgende vier Stücke gerechnet: 1. ein dunkelweißes Gewandder heiligen Jungfrau; 2. die Windeln des Heilandes; 3. jenes Tuch, in welches derKörper des heiligen Johannes des Täufers nach seiner Enthauptung eingewickelt worden;und 4. das Lcndentuch Christi. Alle sieben Jahre werden diese vier Gegenstände amVorabend deö 10. Juli unter entsprechenden Feierlichkeiten aus dem kostbaren Kasten,in welchem sie aufbewahrt werden, herausgenommen, wobei nicht bloß die sämmtlichenStiftsherreu, sondern auch die Mitglieder des Stadtraths als Zeugen erscheine». Siewerden dann sämmtlich in neue Seide gelegt, die alte Seive wird verschenkt unv hochgeschätzt Dann am Feste selbst, welches mit dem 10. Juli jedesmal beginnt und biszum 24. dauert, werden sie täglich von der Galerie des Glockcnthurmes u. s. w. dentaufenden von Gläubigen gezeigt, welche Straßen, Häuser, Fenster, ja die Dächerselbst bis zu der Dichtigkeit besetzt halten, daß die letzteren im Lauf der Zeiten mehr-mals eingestürzt sind. "Die Anzahl der Menschen, die zu diesen Zeiten in Aachen erscheinen, ist so groß, daß sie nicht selten an's Unglaubliche gränzt. Hier sey nnrerwähnt, daß im Jahr 1499 der Andrang der Pilger so groß war, daß der Magistratder Stadt sich in eie Nothwendigkeit versetzt sah, die Thore der Stadt schließen unddiese nicht wieder, bis durch die Weggehenden Raum geworden, öffnen zn lassen.Insbesondere waren es die Ungarn , die trotz der großen Entfernung und der Müh-seligkeiten der Rtise in Aachen bei diesen Festen nicht fehlten und in ansehnlichenProcesstonen daselbst erschienen. Sie erfreuten sich besonderer Auszeichnungen; siewurden abwechselnd von einzelnen Klöstern zur Tasel gezogen; drei Tage wurden sievon der Stadt bewirthet, am 11. Juli wartete der regierende Bürgermeister ia Person,an den beiden andern aber warteten die übrigen städtischen Behörden ihnen bei derTafel auf. Dieses dauerte bis zum Jahr 1776, wo diese Procession durch den KaiserJoseph der ungarischen Nation untersagt wurde.
Außer den großen besitzt die Stiftskirche eine beträchtliche Anzahl kleinerer Reli-quien; der Reichthum an denselben war früher noch größer als jetzt, da mehrereö nicht