282
hallten, und die Orgel ertönte. Als wir die Stadt erreichten war eS Nacht, undüber eine Stunde irrten wir umher, hie und dort, ohne eine Herberge finden zu können.Und doch waren mehrere mit uns, die in Aachen viel Bekanntschaft hatten. Endlichwurden wir, so gut es ging, untergebracht. Am folgenden Tag in der Frühe hörtenwir Messe in besagter Kirche und brachten unsere Opfergabe dar. Einige von unsgingen auch zur Beichte; die Zahl der Beichtenden jedoch war so groß, daß Einer denAndern drängte, und man nicht niederknieen konnte. Das Gedränge war von derArt, daß man meinte, die Leute müßten umkommen; nur mit der äußersten Müheoelangte man zu den Altären, und die Kirchendiener hatten Säckchen an langenStangen befestigt, um die Gaben zu sammeln. Den größten Theil des Tages überdurchwanderten wir die Stadt und besuchten deren Kirchen, indem wir die Stundeder Ausstellung der großen Reliquien und Schätze erwarteten. Diese zu sehen warenso viele Leute gekommen, daß solche, die nicht dagewesen, es kaum glauben werden.Jeder suchte einen möglichst guten Platz zu erlangen; die Häuser um die Kirche warenalle mit Menschen gefüllt, und große hölzerne Gerüste waren an denselben aufgebaut.Für unser Geld ließ man uns in eines dieser Häuser ein, von wo wir die Aussichtauf den Platz und eine der Seiten der Kirche hatten. Vor uns sahen wir nichts alsKopf an Kopf, und auf den Dächern selbst war'S ebenso. Als die Stunde nahte,begann man mit den großen Glocken zu läuten. Dann kam ein ehrwürdiger Prälatvon mehreren Geistlichen begleitet, und sie gingen auf den in der Höhe befindlichenoffenen Galerien um die Kirche hernm. An den Stellen, wo die Heiliglhümer gezeigtwerden, blieb er stehen, hielt eine kurze Anrede und ertheilte den Ablaß, und empfahldann für unsern heiligen Vater, den Papst, sowie für die christliche Kirche zu beten,und hiernach für den Kaiser und für alle Fürsten und Herren, besonders jedoch fürdie Herren deS Landes, welche die Pässe offen und gesichert halten, auf daß denPilgern kein Leid geschehe. Nachdem er geendet und sich entfernt, sah man eine Mengevon Geistlichen kommen mit angezündeten Kerzen und Fackeln, mit Weihwasserkesselnund Rauchfässern von Gold und Silber, in prächtigen Gewändern unv mir kostbarenKreuzen. Sie kamen in schöner Ordnung gedachte Galerie entlang, in ihrer Mittezwei Prälaten in Gold- und Silberstoff gekleidet, welche einen langen, lanzenähnlichen,vergoldeten Stab auf den Schultern trugen, auf dem das kostbare und würdige Ge-wand Unserer lieben Frau mehrfach gefaltet hing, darüber ein weißes Seidentuch,das wiederum mit einem Goldbrokat bedeckt war. Wenn sie eine der genannten Stellenerreicht hatten, blieben sie stehen, nahmen die seidenen und goldenen Hüllen weg undzeigten mit großer Ehrfurcht und Feierlichkeit das Gewand dem versammelten Volke,das mit gefalteten Händen auf den Knieen lag. Sie nehmen nämlich besagtes Gewand,entfalten es nnd lassen es von der Galerie herab auf einen zweiten Golostoff hängen.In diesem Moment würde man sagen, die Erve zitiere vor dem Getöse der Trom-peten und dem Geschrei von Männern und Frauen, welche Misericordka rufen, so daßEinem die Haare zu Berge stehen und die Thränen in die Augen treten. Um dieseStunde, etwa um Mittag und in der großen Hitze, ließ sich ein Stern am Himmelsehen, den viele erblickten. Das mehrgedachte Untergewand ist ron brauner Farbe,gleichsam als wäre eS cingeräuchert; es ist länger als sonst Sitie ist, und ist mitzw.i weiten und kurzen Aermeln versehen, die abgeschnitten scheinen. Einige meinen,eS sey ein Obergewand gewesen, das über andern Kleidungsstücken getragen wordensey. Nachdem die Prälaten die Reliquie so lange sehen gelassen, daß man ein Pater-noster unv ein Avemaria sagen konnte und das Volk ruhig geworden war, hängtensie dieselbe wieder auf ihren Stab und fuhren so fort in ihrem Umgang um dieKirche. Als dieß vorüber, kehrte derselbe Prälat zurück und vollbrachte die nämlichenCeremonien wie das erstemal, und dann kam von Neuem die Geistlichkeit mit Kerzenund Rauchfässern, nnd sie wiesen die Socken des heiligen Joseph vor. (Philippe deVizneulles nennt nun die übrigen Reliquien, wobei ihm indeß das Gedächtniß nichtganz treu gewesen ist.) Nachdem alles gezeigt war, begann das Volk sich zu ver-laufen; aber es ist schwer, sich einen Begriff von dem Gedränge zu machen, nicht