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in der Kirche bloß, sondern in den Straßen auch und selbst außerhalb der Stadt-thore. ES kostete unS große Mühe in die Kirche zu gelangen, wo wir das GrabCarls des Großen sahen, daS sich hinter dem Hochaltar erhebt, und unter welchemman durchgehen kann. Ich sah mir auch die Säulen an, welche der Kaiser Carl indieser Kirche errichten ließ, und viele andere Dinge. Aber ich versichere euch, dasGedränge war so groß, daß, wenn Einem ein Goldstück auf den Boden gefallen wäre,er nicht im Stande gewesen wäre, eS aufzuheben. Viele Leute wurden durch dasGedränge getragen. Wollte ein Pilgerzug in die Kirche oder durch die Straßenziehen, so wählten sie den Stärksten der Gesellschaft und ließen ihn eine Art Bannervortragen, und sie folgten ihm Mann für Mann, indem sie einander bei den Kleidernfesthielten. So machten sie sich Platz. Ließ Einer los oder blieb seitwärts vom Zuge,so war er gewiß, von den Gefährten getrennt zu werden. Nachdem wir Kirche undStadt besucht, und gekauft, was uns noth that, empfahlen wir uns bei unserm Wirth,stiegen zu Pferde und gelangten noch zu rechter Zeit nach St. Cornelimünster, einergroßen und reichen Abtei in einem Thal, zwei Wegstunden von Aachen entfernt.-
Leben des ehrwürdigen Johannes Grande .
(Fortsetzung.)III
Johannes erhält ein eigenes Spital und tritt in den Ordender barmherzigen Brüder ein.
Mit Bedauern und Unwillen hatte ein großer Theil der Bewohner von Xerezden frommen Johannes auS dem Spitale vertreiben sehen. Die wahren Gründe,weßhalb man ihm zürnte, waren ihnen wohl bekannt, und sie wollten es nicht zugeben,daß die Tugend in ihrer Mitte so schimpflich behandelt und unterdrückt werde. Siesannen auf Mittel und Wege, dem Diener GotteS zu helfen, daß er sein gesegnetesWirken fortsetzen könne. Sie hatten aber nun von seiner außerordentlichen Fröm-migkeit, seinem rastlosen und stets durch höheres Licht geleiteten Eifer bereits so vieleBeweise, daß sie in ihm einen von Gott zu großen Dingen berufenen Heiligen zubetrachten anfingen. Darum also wünschten sie ihn in größeren Kreisen thätig zusehen, und zwei Edelleute glaubten den Reichthum, womit sie Gott gesegnet hatte,nicht besser benutzen zn können, als wenn sie ein neues Krankenhaus gründeten, unddie Leitung desselben dem verfolgten Johannes übergäben. Sie setzten ihr frommesVorhaben unverzüglich in'S Werk. Im Jahre 1574 ward daS neue Spital gebaut,und, von seinen Stiftern mit reichlichen Einkünften versehen, Johannes überwiesen.In der Nähe desselben lag ein großes PilgerhauS, und auch dieses glaubte man seinerklugen und thätigen Liebe anvertrauen zu müsse». Mit welchem Jubel deö Herzensnahm der Diener Gottes seine Wohnung in dem Gebäude, worin er von nun annach der ganzen Kraft semer Liebe wohlthun konnte! ES war ein rührendes Schau-spiel, von allen Seiten Kranke herbeitragen und alle von Johannes mit freundlicherEilfertigkeit empfangen zn sehen. Er eilte von einem zum andern, fragte nach ihrenBedürfnissen, tröstete, ermunterte sie, und gab sich keine Ruhe, bis jedem, wessen ersür Leib und Seele bedürfte, zu Theil geworden war. — Aber noch stand er allein,und so wunderbar der Beistand war, womit Gott seine Kräfte unterstützte, so konnteer doch für die Pflege so Vieler allein nicht genügen. Er sah sich nach Gefährtenum, aber nach solchen, die im Dienste der göttlichen Liebe und nicht um zeillichenGewinn seine Mühen und Sorgen theilen möchten. Auch hierin erhörte Gott seinFlehen. ES schlössen sich ihm mehrere, meistens noch junge Männer an, die allevom Verlangen, Johannes' reine Tugend nachzuahmen, beseelt waren, und von denensich einige in dieser Nachahmung so sehr auszeichneten, daß ihr Andenken zugleich mitdem ihres Führers und VaterS fortlebte.