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seine Frau den Morgen nicht erleben könne, und daß sie eine unaussprechliche Sehn-sucht nach dem Abendmahl empfände. Der Pfarrer that ihm einige Fragen, standdann auf und trat an'S Fenster, welches er öffnete; es war sehr kalt, dunkel undschaurig draußen, und der Wind pfiff über die Haide messerscharf. Da kam die FrauPfarrerin herein; „Du wirst doch nicht fahren, Edmund? Nein, nein, ich lasse esnimmer zu!" Der protestantische Pfarrer besann sich einige Augenblicke, ging dannzu seinem Blicherstande, nahm zwei oder drei Traktate und sprach, sie in der Handhaltend, freundlich zum Johann: „Lieber Harmening, so hat Eure Frau denn wirk-lich den wahren und aufrichtigen Wunsch, daS Mahl des Herrn im Glauben zuempfangen?" „Ja gewiß!" entgegnete hastig Johann: „es liegt ihr Alles daran! ozaudern Sie nicht, Herr Pastor; sie ringt mit dem Tode und verlangt nach nichts,als nach ihrem Heilande." „Nun denn," erwiederte milde und mit priefterlich ge,hobener Stimme der Pfarrer, „wenn dem so ist, dann könnt Ihr ganz ruhig heim-kehren ohne mich; vor dem Herrn wiid es eben so seyn, als habe sie das Mahlgenossen; Ihm gilt der redliche und ausrichtige Wille als Erfüllung. Saget das derlieben Kranken in meinem Namen und mir meinem SegenSgruß. Rücksichten aufmeine Gesundheit, zunächst im Hinblicke auf meine Familie, machen mir die Mitfahrtunmöglich." Dann gab er ihm die Traktate, die auf Leiden und Sterben im Glaubenbezüglich waren. Der arme Johann fuhr trostlos wieder über die Haive, und derPastor begab sich zur Ruhe. Die Sterbende indeß hatte an das Leben sich geklam-mert, des geistlichen Zuspruches harrend. Als ihr Ehemann ohne den Pastor wiederkam, zuckre ein herber Schmerz — die schmerzlichste Enttäuschung vielleicht ihres kurzenErdenlebenS — durch ihre Seele; die alte Großmutter aber sprach ihr deö PaulusEberS schönes Sterbelied vor; — da ward sie still, den Tod erharrend, der amMorgen um 5 Uhr gekommen ist, leise und schmerzlos." „Es war Frühling, dieBäume blühten, die Wiesen grünten, die Sonne lachte zwischen schweren und weißenGewölken, milde Lüfte spielten, und voll und rauschend ging der Fluß, der zwischendem Kirchhofe dahinzog und dem Herrnhause, wo bei irgend besonderer Veranlassungein festliches Mahl und nächstdcm Spiel gehalten werden sollte. Der Herr Pfarrernebst Frau Gemahlin und deren jüngere Schwester kamen in vollem Anzüge daher.Im Fährhause indeß saß Johann Harmening, der Wittwer, bei Kordes Harmening,dem Fährmann, seinem Vetter, ihn zu unterstützen im Dienste, da dieser gar zu argmit dem Gliederreißen geplagt war. Der Herr Pastor trat ein, und in der Meinung,die Damen hätten beim Ankleiden sich schon verspätet, begehrte er kurz und barscheine sofortige Sonderüberfahrt. Johann aber sprach: „Herr Pastor, ist es wirklichIhr wahrer und aufrichtiger Wunsch, jetzt gleich überzufahren?" „Ja gewiß, nurschnell und keine Weitläufigkeiten; die Damen harren und ein Wetter zieht!" „Nundenn," sagte Johann ruhig und gemessen, „wenn dem so ist, so wird eS eben so seyn,als wären Sie übergefahren. Der Wille geht für die Erfüllung; so sagten Sie, alsmeine arme Frau auf den Weg der Lammeshochzeit sicher geleitet seyn wollte, undjetzt sage ich'S Ihnen wieder, da Sie auf dem Wege zu einem weltlichen Luftgelagesind. Nichts für ungut!" — Und Johann ging langsam seines Weges, die Fähreblieb angekettet, und die Herrschasten mußten eine gute halbe Stunde stromaufwärtsgehen, bis zu einer Brücke, und dann wieder stromabwärts bis zum Herrenhause, unddas Wetter entlud sich, und sie wurden schwer durchnäßt und kamen viel zu spät, undder Herr Pfarrer erwarb sich nicht allein den Schnupfen, sondern auch sogar einenkleinen Anstoß von Flußfieber. Sie beabsichtigten, sich höheren OrteS über JohannHarmenings ganz unverantwortliches Benehmen ernstlich zu beschweren, und hoffenauf eine gehörige Züchtigung desselben."
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