Ausgabe 
13 (28.8.1853) 35
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Wahnsinn und in der Betrunkenheit verübt zu haben, und in jenem fürchterlichenAugenblick kein Mensch, sondern ein Thier gewesen zu seyn.

Um den Übeln Eindruck dieser Schandthat in etwaö zu verwischen, versprach erzur Buße mehrere Kirchen für die Katholiken und auch einige Klöster für die Jesuiten und Capuciner in seinen Staaten zu erbauen. Er wohnte auch in Polozk dem Hoch-amte bei und ging nach Beendigung desselben in dem Kollegium der Jesuiten zurTafel. Während des ganzen Mahles hatte Peter den Reclor deS Kollegiums zuseiner Rechten, ihm zur Linken und hiuter dem Rector saßen die ihn begleitendenBojaren und Fürsten . Als es zum Toastiren kam, nahm Peter vom P. Rectordas Barett, setzte eS sich mit Ehrfurcht auf, erhob sich von seinemSitze und brachte den ersten Toast Sr. Heiligkeit Papst Elemens XI.,dessen hohe Verdienste öffentlich preisend und betheuernd, daß er nichts sehnlicherwünsche, als nach geendetem Kriege ihm seine Ehrfurcht und Verehrung in Rom dar-zubringen, wie er eS schon bei seinem Aufenthalte in Venedig im Sinne gehabt habe,woran er nur durch die plötzlich eingetretenen Unruhen verhindert worden. Werkonnte es glauben? Offenbar rieth die Politik, durch diescS Auftreten die Katho-liken zu beruhigen und den Übeln Eindruck, deu der dreifache Mord an den Basiliauer-Mönchen hervorgerufen, in Vergessenheit zu bringen.

Seine feindselige Gesinnung gegen die katholische Kirche zeigte er auch besondersin den zwei berüchtigten Ukasen vom 17. April 1719; durch den einen UkaSwurden die Jesuiten von Moskau vertrieben, durch den andern aberbestimmt, daß Ehen zwischen Russen und andern ReligionS angehö-rigen zwar erlaubt seyn sollten, die Brautleute aber vor ihrerTrauung schriftlich erklären sollten, die aus ihrer Ehe hervorgegan-genen Kinder in der griechisch-russischen Religion erziehen zu lassen.

Dieselbe despotische Gewalt bewies der Czar gegen seine Unterthanen, um siefür seine Plane empfänglich zu machen. Er schaffte die alte orientalische Kleidertrachtab nnd verordnete, daß die Frauen, die bis dahin von den Gesellschaften der Männerausgeschlossen waren, freien Zutritt haben sollten. Kurz, der Despotismus inRußland gelangte durch Peter den Großen zu seiner vollendeten Entwicklung undAusbildung; er kannte keine Schranken mehr, erstreckte sich über Leib und Seele,Leben uud Tod, Inneres und Aeußeres, regierte die Gewissen und schrieb die Klei-dung vor; eS bedürfte nur noch, die geistliche Gewalt vollends in die Hand zu neh-men, um jenen Begriff von Despotismus zu verwirklichen, wie ihn Friedrichv. Schlegel aufgestellt hat. Bereits waren viele Neuerungen in den Gebräuchenund in dem Hofcercmoniel des hohen Klerus vorgenommen und war dnrch die obenerwähnten Hofmaskeraden dahin gewirkt, daß dessen Ansehen immer mehr unter-graben ward.

(Schluß folgt.)

Jntroduetton und Inthronisation deS hochwürdigsteu Herrn Fnrst-Erzbischofs von Wien, Joseph Othmar Ritter von Rauscher .

Wien , 15. Juli. Am Morgen um halb 7 Uhr gab die große Glocke vomMünster zu St. Stephan das Zeichen, daß an diesem Tage der Wiener Erzdioceseim kirchlichen Vollzngsacte ein neuer Oberhirt geschenkt werden solle. Um halb 8 Uhrversammelte sich das hochwürdige Metropolitancapitel, die drei Suffraganbischöfe, dieAebte der Stifter, welche in der Wiener Diöcese liegen, die dreißig Pfarrrepräsen-tanten Wiens , die Landdechante, der RegularkleruS, und Hunderte von Weltpriesternder Diöcese in der Hof- und Pfarrkirche zu St. Augustin. Um 3 Uhr kam der hoch-würdigste Ordinarius von St. Veit (dem Landgute der Wiener Erzbischöfe) zur Kir-chenthüre, wurde dort vom hochwürd. Herrn Bischof von Sarepta, Weihbischos undGeneralvicar der Wiener Diöcese, empfangen, küßte knieend das ihm dargereichte Kreuz,