Ausgabe 
13 (11.9.1853) 37
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Von dem Tempel deS alten Bundes hat Gott gesprochen nnd verheißen: Meine Augenwerden offen und meine Ohren aufgethan seyn für das Gebet dessen, welcher an die»sem Orte beten wird! Und dennoch war in dem All erheiligsten deS alten Bundes nicht«als eine Lade von Holz mit Gold überzogen sammt den steinernen Tafeln, welcheMoseS auf Sinai empfangen hatte, und auf den Altären deS alten Bundes wurdennur Lämmer und Widder und Rinder zum Opfer dargebracht. Doch in unsern Kir-chen ist Jesus Christus selbst unter der Gestalt deS Brodes gegenwärtig, auf unsernAltären wird in dem hochheiligen Opfer deS neuen Bundes der Sohn GotteS selbstdem ewigen Vatcr dargebracht für unsere Sünden und für die Sünden der Welt.Wenn nun schon das Gebet, welches ein frommer Jsraelit im Tempel zu Jerusalemverrichtet, so große Verheißungen hatte, wie groß und wunderbar müssen die Gnadenseyn, welche Gott in den Kirchen des neuen Bundes seinen getreuen Kindern mit-theilt ! Wiewohl ich Euch wünschte, daß Ihr Alle den Herrn täglich in seinem Hausebesuchen könntet, so weiß ich schon, das dieß auf dem Lande nicht so leicht geht.Aber am Sonn- und Feiertage ruhet die Arbeit und die Glocken ertönen und ladenAlle ein, vor dem Allerhöchsten zu erscheine». Ihr müßt dabei manche Beschwerlichkeitüberstehen. In der Stadt haben die Leute eS leicht; sie brauchen nur wenige Schritteüber das glatte Pflaster zu machen, so stehen sie schon vor der Kirchthüre. Dagegenmuß auf dem Lande manche Gemeinde in Schnee und Regen, über Berg und ThalStunden weit gehen. Aber gerade in der Stadt sind die Leute oft am nachlässigstenim Kirchenbesuchc. Was man gar so leicht hat, das weiß man gewöhnlich nicht zuschätzen. Und dann hat der Herr, um das Himmelreich uns aufzuschließen, nichtnur viele saure Gänge gethan, sondern sogar sein Blut und Leben aufgeopfert. EtwasWeniges müssen wir uns schon auch gefallen lassen, um selig zu werden, und körper-liche Beschwerden sind nicht das Acrgste, was der Mensch auf der Welt zu leidenhat. Aber freilich ist es nicht genug, pünctlich in die Kirche zu kommen; man mußsich auch die Zeit, welche man im Hause GotteS, in der Nähe deS hochwürdigstenGutes zubringt, mit rechtem Eifer zu Nutzen machen. Wendet Alles, waS Ihr inder Predigt höret, sogleich auf Euch selbst an- denn sonst kann die beste und schönste- Predigt wenig nützen. Opfert die l-eilige Messe mit kindlichem Vertrauen für Euchselbst auf und für Alle, für die Ihr zu beten schuldig seyd. Betet vorzüglich bei derWandlung Euren gegenwärtigen Gott und Erlöser mit tiefster Ehrfurcht an. Erwecktbei der heiligen Communion das innige Verlangen, daß daS Lamm GotteS auch zuEuch kommen und unter der Gestalt des Brodes bei Euch wohnen möge. Dieß darfaber nur der wünschen, welcher den ernstlichen Willen hat, dem Heilande in seinemHerzen eine reine Wohnung zu bereiten: darum erwecket über alle Eure Sünden Reueund Leid und nehmt Euch kräftig vor, Alles zu meiden, was mißfällig ist vor denAugen Eures himmlischen Vaters. Wenn der Sonntag auf diese Weise gefeiert wird,so geht von ihm ein Licht der Andacht und des Trostes auS, welches die ganzeWoche hindurch leuchtet.

Einst gab cS Leute, welche sich einbildeten, man könne die Kunst lernen, Zinnund Kupfer, Blei und Eisen in Gold zu verwandeln, und Manche ließen ihr ganzesVermögen in Rauch aufgehen, um das Goldmachen zu erfinden. UnS Christen hatder Heiland die Kunst gelehrt, alle unsere Worte und Werke und sogar die Gedankenund Wünsche in etwas zu verwandeln, waS besser ist als Gold und Silber. Unddieß kostet kein Geld. Mühe kostet es freilich, aber doch weit weniger Mühe, alsviele Leute an Thorheiten und Schlechtigkeiten wenden. Gott sieht daS Herz undverlangt nur das Herz. Deßwegen spricht sein Apostel:Wenn ich all mein Gutden Armen austheilte und meinen Leib zum Verbrennen darböte, hätte aber die Liebenicht, so, wäre ich doch nichts." Aber so wie nichts, waS wir ohne eine gute, gott-gefällige Meinung verrichten, vor Gott einen Werth und ein Verdienst hat, und wennes auch noch so groß und wichtig aussähe, ebenso ist das Kleinste und Unbedeutendstevor Gott kostbar und verdienstlich, wofern wir es aus Liebe zu ihm verrichten. Wenndie Magd mit einer guten Meinung die Kühe melkt, so hat sie vor Gott etwas weit